Mittwoch, 1. März 2017

der Präriedämon



Bisweilen geschehen seltsame Dinge und allzu leicht ist man versucht, diese dem Zufall zuzurechnen. Doch geschieht so gut wie nichts, das nicht einen tieferen Sinn hat. Freilich ist es meistens erst in der Rückschau möglich diesen zu erkennen. So auch bei dieser Geschichte, von der ich nicht sicher sagen kann ob sie sich so oder ähnlich ereignet hat. Doch gleichgültig ob sie Realität oder Fiktion ist, sie trägt doch den Samen der Wahrheit in ihrem tiefsten Kern.

Ratternd rollten die Räder des Zuges über die Schienen. Der endlose, immer gleiche Rhythmus des Hufschlags des Feuerrosses klang über die Weite der Savanne. Ein strahlend schöner Tag, der den Himmel im klarsten Saphirblau erstrahlen ließ. Die einzigen Wolken die zu erkennen waren, stammten aus dem Schornstein der Lokomotive und konnten die strahlende Majestät der Natur nicht verdunkeln. Am Ende des Zuges, der ansonsten nur aus den üblichen Wagen für Passagiere und den Transport der Post bestand, hatte man einen geschlossenen Güterwagen angehängt. Dieser enthielt eine besondere Fracht, die bis zu diesem Tage im amerikanischen Westen unbekannt war. Dann geschah etwas, das sehr ungewöhnlich war: Nachdem der Zug eine Kurve durchfahren hatte, musste er eine leichte Steigung überwinden. Diese war gerade stark genug, dass der Maschinist etwas mehr Dampf geben und der Heizer ein klein wenig mehr anfeuern musste und der Zug trotzdem langsamer wurde. Am oberen Ende der Steigung beschleunigte der Zug wieder und der dabei entstandene geringe Ruck genügte, um die Kupplung des Güterwagens zu zerbrechen. Der Wagon blieb, von den Bahnbeamten und Passagieren an Bord des Zuges unbemerkt, auf der Strecke zurück und rollte die Gefällestrecke hinab. Erst nur langsam und dann immer schneller, dabei soweit beschleunigend, dass er in der Kurve aus den Schienen sprang und krachend gegen einen großen Felsblock raste, der sich neben der Bahnlinie befand.

Für einige Minuten war es völlig still an der Unfallstelle, doch dann erklang aus dem Inneren des beschädigten, aber nicht völlig zerstörten Wagens ein schnaubendes Geräusch. Dieses steigerte sich in kurzer Zeit zu einem grausig anzuhörenden Grunzen und Stampfen, das darin gipfelte, dass die Bretter der Seitenwand nach außen gedrückt und zerbrochen wurden. Ein riesiges Wesen im Inneren des Wagon war durch die Wucht des Aufpralls zunächst betäubt worden und jetzt, rasend vor Angst, dabei sich den Weg ins Freie zu bahnen. Noch einige Male ertönte das schaurige Grunzen, dann flogen einige zerbrochene Bretter und verbogene Metallteile durch die Luft und die Kreatur quetschte sich durch das von ihr geschaffene, knapp bemessene Loch in der Seitenwand des Wagens. Mit einem triumphierenden Trompetenton schüttelte das Geschöpf seinen mächtigen Kopf und sah sich in der neuen Umgebung um.


Der so genannte Zufall hatte an diesem Tag zwei Jäger vom Stamm der Sioux in jene Gegend geführt. Diese hatten den Zug in der Ferne vorbeifahren sehen und waren dann vom Krach des Unfalls angelockt worden. Die merkwürdigen Geräusche aus dem Inneren des Güterwagens hatten sie davon abgehalten sich zu nähern, stattdessen waren sie hinter einigen Felsen in Deckung gegangen und späten vorsichtig zur Unfallstelle hinüber. Als sich die Kreatur aus dem Wagon befreit hatte sahen sie sich angstvoll an. Ein solches Wesen hatten sie noch nie gesehen, dabei waren ihnen alle Tiere der Prärie bekannt, ebenso sämtliche Kreaturen die sich in den Urwäldern und Felsenbergen verbargen. Sie waren sich sicher, dass dies nur einer jener schaurigen Dämonen sein konnte, von denen die Legenden handelten die der Medizinmann manchmal erzählte. Doch wie war es den weißen Männern gelungen einen solchen Dämon in einen der Wagen zu sperren, die das Feuerross über die Prärie zog? Andererseits, war nicht das Feuerross selbst eine dämonische Kreatur, die von den Weißen beherrscht wurde? Der ältere der beiden Jäger wollte etwas sagen, doch dann bemerkten sie, dass der Dämon direkt auf sie zu kahm. In blinder Furcht rannten sie davon und bemerkten daher nicht, dass das Wesen stehengeblieben war und ihnen verwirrt hinterherblickte. 

Im Dorf rannten sie, ohne sich erst beim Häuptling zu melden, direkt zum Zelt des Medizinmannes. Der Alte saß neben einem kleinen Feuer vor dem Zelteingang und beobachtete, wie einige Kräuter und Wurzeln langsam zu einer breiartigen Masse zerkochten. Erstaunt sah er die Jäger an, als diese vor ihm stehengeblieben waren. „Meine Brüder, was ist euch wiederfahren? Was hat die tapferen Söhne der Sioux in solche Furcht versetzt?“ Als sie wieder zu Atem gekommen waren, berichteten sie was sie gesehen und erlebt hatten. Das Gesicht des Schamanen verriet dabei nicht was er von den Ereignissen hielt. Zwischenzeitlich waren auch der Häuptling und einige andere Krieger dazu gekommen und standen schweigend um den alten Mann und die beiden Jäger im Kreis. Nach einigen Momenten des Schweigens sagte der Medizinmann mit ruhiger Stimme: „Die weißen Männer sind mächtig. Sie beherrschen das Feuer und das Wasser. Die Gewalt der Elemente ist ihnen zu Diensten und sie vermag großes. Sie treibt die Dampfkanus über den großen Fluss und das Feuerross auf seinem eisernen Weg durch unsere Jagdgründe. Doch sie vermögen es nicht Dämonen in Kisten zu sperren. Darum kann die Kreatur die ihr gesehen habt kein Dämon sein. Allerdings bedeutet dies nicht, dass sie ungefährlich ist. Darum mögen mir morgen einige Krieger dabei helfen sie zu suchen, wir werden sie uns ansehen und dann urteilen.“

Am nächsten Morgen ritten sechs Männer aus dem Dorf. Es waren der Medizinmann und der Häuptling, die beiden Jäger und zwei weitere Krieger. Mit den Pferden erreichten sie die Unfallstelle schnell und stellten dort fest, dass sie nicht die Einzigen waren, die nach der merkwürdigen Kreatur suchten. Sie fanden die Spuren von drei Reitern die an der Bahnstrecke entlang geritten waren. Sie waren aus der Richtung gekommen, in die der Zug gefahren war. Sie waren der Spur des Wesens gefolgt, dass in die Savanne hinaus gelaufen war. Jetzt folgten die Indianer diesen Leuten und einige Stunden später bemerkten sie am Horizont eine Bewegung. Dort schienen mehrere Reiter ein großes Tier einfangen zu wollen. Die sechs Männer ritten langsam weiter und bald konnten sie genau erkennen was vor sich ging. Einer der beiden Jäger sagte: „Meine Brüder, dort ist der Dämon und einer der Weißen spricht zu ihm.“ Der Häuptling gab ein Zeichen und die Männer hielten ihre Pferde an, nur der Medizinmann ritt langsam weiter und näherte sich den Weißen und der bizarren Kreatur mit der sie sich befassten. Selbst den erfahrenen, weisen Schamanen erfasste ein Anflug von Angst als er das gewaltige Wesen sah. Es war größer als der größte Bison den er jemals gesehen hatte. Zudem schien es kein Fell zu haben und zwei gewaltige Zähne ragten aus seinem Kopf. Es schlug langsam mit den mächtigen Ohren und von seinem Maul schien ein Arm herabzuhängen. Die Weißen hatten ihm einen Lasso über den Kopf geworfen, dessen Ende allerdings lose herabhing. Das Wesen stand völlig ruhig da und schien einem der Männer zuzuhören. Dieser war als einziger abgestiegen und stand direkt vor der Kreatur. Dann bemerkten sie den Indianer und drehten sich zu ihm um: „Halt, was willst du?“ fragte einer der Berittenen. „Das Wesen das ihr gefangen habt ist gestern aus seinem Kasten entflohen. Zwei unserer Krieger haben dies beobachtet und hielten es für einen Dämonen. Sie flohen voller Furcht ins Dorf zurück. Mein Name ist sehender Adler, ich bin der Schamane des Stammes und meine Aufgabe ist es zu erforschen was dieses Wesen ist. Ist es eine Gefahr für meine roten Brüder?“ Der Mann, der abgestiegen war, kam näher und sprach mit dem alten Mann der ebenfalls von seinem Pferd gestiegen war: „Dieses Wesen ist kein Dämon und es ist normalerweise nicht gefährlich. Man nennt es einen Elefanten und es kommt aus einem fernen Land, jenseits des großen Wassers. Die Eisenbahn sollte es von der östlichen Küste an die westliche bringen, wo es als erstes seiner Art in einen Garten gebracht wird. In diesem Garten, den man einen Zoo nennt, werden Tiere aus aller Welt leben um den Menschen zu zeigen wie wunderschön und vielfältig Gottes Schöpfung ist. Ich bin sein Wärter und meine Aufgabe ist es jetzt, es zurück zu holen.“ Der Schamane war inzwischen direkt vor den Elefanten getreten. Dieser spürte instinktiv, dass der alte Mann ihm freundlich gesonnen war. Langsam hob der alte Mann die Hand und hielt sie mit der Fläche nach oben hin. Was dann geschah erstaunte nicht nur die drei Weißen, sondern auch die anderen Sioux die inzwischen nähergekommen waren. Der Elefant hob seinen Rüssel und stieß ein ohrenbetäubendes Trompeten aus. Danach legte er die Rüsselspitze auf die Handfläche des Alten und beide verharrten einen Moment in dieser Stellung. Dann hob der Elefant den Rüssel wieder und trat einen Schritt zurück, wobei er den Kopf neigte. Gleichzeitig verbeugte sich der alte Mann vor dem Tier und drehte sich dann um. Zu seinem Begleitern gewandt sagte er: „Seht meine Brüder, wir wissen jetzt was für eine Kreatur dies ist. Manitu hat nicht nur dieses Land erschaffen und die Tiere die darin leben. Von der winzigen Ameise bis zum gewaltigen Grizzlybären kennen wir alle Tiere dieses Landes. Manitu hat jedoch noch viele andere Länder und viele andere Tiere erschaffen, die wir nicht kennen. Eine solche Kreatur haben wir heute kennengelernt. Wie alles Unbekannte macht sie uns Angst, doch liegt der wahre Mut darin diese Angst zu überwinden und zu lernen. Nur zu fürchten ohne zu lernen führt zu Hass und Leid. Lasst uns in unser Dorf zurückehren und dort allen von dieser Lehre berichten.“ 

Ohne ein weiteres Wort stieg er auf sein Pferd und ritt, begleitet von den fünf anderen Sioux, zurück zum Dorf. Die drei Weißen sahen ihnen einige Zeit lang nach und ritten dann ebenfalls weiter, wobei der Wärter den Elefanten am Lasso neben sich führte. Auch sie dachten über die Worte des Schamanen nach, die ihnen ebenso tief ins Herz gedrungen waren wie den fünf Indianern. Der Elefantenwärter und seine Begleiter sahen den Indianern nach. Auch in ihren Herzen wirkten die Worte des Alten nach.




Text: Markus Zinnecker, 2017

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