Samstag, 5. November 2016

Sensorenschatten



Sensorenschatten, so hatten die Wissenschaftler es genannt. Ein merkwürdiges Etwas, präsent aber doch nicht real. Einen Raumgeist hatte es der Chefingenieur genannt, aber auch das war es nicht. Das Ding, das jetzt in unmittelbarer Nähe des Kreuzers schwebte war sehr real. Es hatte eine physische Ausdehnung in allen drei Dimensionen und es schien sich eindeutig um ein Raumschiff zu handeln, wenn auch um ein extrem fremdartiges. Dennoch reagierte es nicht auf Funksprüche und auch die bisher abgegebenen Warnschüsse der Railguns waren ohne Wirkung geblieben. Kursextrapolationen hatten ergeben, dass das fremde Objekt aus dem Raum der Zaneckianer gekommen war. Die Grenze zum Raum der Insektoiden war weniger als ein halbes Lichtjahr entfernt. Konnte es ein neuer Raumschifftyp sein? Wenn ja, dann war es etwas völlig anderes als Alles, was die Zaneckianer bisher hatten.
Auf der Brücke des Langstreckenaufklärers Argus herrschte eine angespannte Atmosphäre. Bis auf die normalen Geräusche des Schiffs und gelegentliche knappe Anweisungen war es völlig still. Kapitän Ruthman saß leicht gebeugt an der Kommandostation und starrte durch das Panoramafenster auf das fremdartige Schiff. 
„Funker, gibt es irgendeine Reaktion auf unsere Rufe?“
„Negativ Kapitän. Keine Reaktion. Ich kann nicht mal sagen, ob wir überhaupt empfangen wurden.“
Die Stimme der jungen Matrosin an der Funkstation verriet ihre Nervosität. Normalerweise hätte Ruthman einige beruhigende Worte für sie gehabt, doch sein erster Offizier ließ ihm keine Gelegenheit etwas zu sagen.
„Kapitän. Das fremde Schiff kommt direkt aus dem Raum der Zaneckianer. Es hat die Grenze verletzt und weigert sich mit uns zu kommunizieren. Die Vorschriften für einen solchen Fall sind eindeutig.“
Der Kommandant nickte. Er hielt nicht viel von Gewalt, aber die Vorschriften der Marine und die Gesetze der Union ließen ihm keine Wahl.
„Gefechtsbereitschaft! Steuermann, gehen sie auf einen Parallelkurs. Richtschütze: Ziel erfassen und feuern sie wenn sie bereit sind. Railguns und Energiewaffen.“
Von mehreren Stationen waren knappe Bestätigungen zu hören und der Aufklärer setzte sich langsam in Bewegung. Mit einer sanften Bewegung ging das Kriegsschiff auf einen Kurs, der es längsseits zu jenem fremdartigen Objekt brachte, dass er bereits seit einigen Stunden beobachtete. Sekunden nachdem das Manöver abgeschlossen war, begannen die Railguns und Ionengeschütze des Kreuzers zu feuern. Salve auf Salve schlug in die Flanke des fremden Objektes. Doch zum Erstaunen des Kapitäns und seiner Offiziere hinterließen die Waffen keinen sichtbaren Schaden. Lediglich ein rötliches Glimmen markierte für einen kurzen Moment die Trefferzonen.
Ruthman erhob sich: „Feuer einstellen. Torpedos bereit machen.“ Er trat mit diesen Worten neben den Offizier an der Sensorenstation und betrachtete verwundert die Anzeigen. „Kein erkennbarer Schaden. Trotz einer vollen Breitseite.“ Der Bediener an der Station wollte etwas erwidern, wurde jedoch vom Heulen des Gefechtsalarms unterbrochen.
„Ein zaneckianischer Kreuzer komm aus dem Hyperraum. Sie feuern auf uns!“
Die Stimme des Sensorenoffiziers ging beinahe im Krachen der Explosionen unter. Der Richtschütze, soviel konnte Ruthman erkennen bevor er zu Boden ging, versuchte das Feuer zu erwidern und der Steuermann rang mit den Steuerelementen, um den Kreuzer aus der Schusslinie zu bringen. Nach etwa zwanzig Sekunden war der Spuk vorbei. Rauchschwaden zogen durch den Kontrollraum und aus einigen Konsolen schlugen Funken. Ruthman roch verbrannte Kabel und hörte irgendwo in der Ferne einen Menschen schreien.
„Statusbericht!“
Der Funker antwortete als Erster auf den Befehl des Kommandanten: „Schwere Schäden am Antrieb und an den Waffensystemen. Meldungen über Verletzte von allen Decks, keine Verluste, aber wir sind nicht mehr gefechtsbereit.“
„Manövrierbarkeit eingeschränkt. Wir können im Normalraum nicht entkommen, ein Hyperraumsprung sollte aber noch gehen.“ Die Stimme des Rudergängers zitterte vom Adrenalinschub. Der Kapitän sah zu ihm hinüber und bemerkte, dass ein Streifen aus Blut über das Gesicht des Mannes lief.
„Der Zaneckianer ruft uns. Nur Audio.“
„Lassen sie hören!“
Auf den Befehl des Kapitäns hin, öffnete die Funkerin die Frequenz und die kratzende Stimme eines Insektoiden erklang aus den Lautsprechern. Es dauerte einen Moment bis der automatische Übersetzer die Worte des Fremden verständlich machte.
„Schwachsinnige Menschen! Auf alles schießen was ihr nicht versteht, das ist alles was ihr könnt. Ihr seid noch dümmer als euch nachgesagt wird. Bereitet euch darauf vor, meinen Kommandanten an Bord zu nehmen. Er wird euch hoffentlich zur Vernunft bringen.“
Es gab nicht viel, das Ruthman hätte tun können. Der Alienkreuzer war seinem Schiff weit überlegen. Selbst wenn sein Schiff voll einsatzfähig gewesen wäre, ein zaneckianischer Kreuzer war ein schwer zu besiegender Gegner. Auf dem Bildschirm der Sensorenstation beobachtete er darum wortlos, wie sich das fremde Schiff immer weiter annäherte und schließlich an der Steuerbordluke andockte.
„Die Zaneckianer haben die Luftschleuse betreten, machen aber keine Anstalten, die Tür aufzubrechen. Es hat nicht den Anschein, als ob sie uns entern wollten.“
Die ruhige Stimme des Waffenoffiziers, der zugleich die Sensorenkontrolle bediente, hatte etwas Beruhigendes. Der Kapitän nickte ihm zu:
„Folgen sie mir Bootsmann, wir werden unsere Besucher willkommen heißen.“
Die Andockluke an Steuerbord war die größte, über die der Langstreckenaufklärer Argus verfügte. Ein gut fünf Meter durchmessendes, kreisrundes Tor, das wie ein gewaltiges Zahnrad wirkte und auf den Tastendruck des Matrosen, der nervös daneben stand, zur Seite rollte. Die erstaunlich leichte, fast völlig geräuschlose, Bewegung des Schotts gab den Blick auf zwei beeindruckende Wesen frei. Die beiden Zaneckianer in der Luftschleuse waren bedeutend größer als Menschen. Sie trugen die für ihre Spezies typischen, weiten Gewänder, die an antike Roben erinnerten und den feingliedrigen Insektenkörper weit umschlossen. Von den Insektoiden waren nur die Greifklauen an den Enden der Arme und die Köpfe unverhüllt zu erkennen. Die Gesichter der Wesen wurden von zwei großen Facettenaugen dominiert, die seitlich über den Mundzangen lagen. Mit leichten, an eine irdische Gottesanbeterin erinnernden, Bewegungen trat einer der Aliens aus der Luftschleuse und blieb direkt vor Kapitän Ruthman stehen. Das Wesen deutete eine leichte, würdevolle Verbeugung an und begann zu sprechen, wobei seine Mundzangen leicht klickten und ein, irgendwo in den Falten seines Gewandes verborgenes Gerät für ihn übersetzte:
„Kapitän Ruthman vom Langstreckenaufklärer Argus, einem Schiff der terranischen Union. Ich grüße sie und beglückwünsche sie zu ihrer weisen Entscheidung, uns ohne weitere Kampfhandlungen an Bord kommen zu lassen. Bitte entschuldigen sie, dass wir ihr Schiff angegriffen haben, aber sie waren im Begriff einen fürchterlichen Fehler zu begehen.“
Der Mensch erwiderte die Verbeugung so gut es ihm möglich war und antwortete:
„Leider kenne ich ihren Namen nicht, aber ich gehe davon aus, dass sie den Wortlaut des Vertrags zwischen ihrer Regierung und der meinen kennen. Demnach darf kein Schiff die Grenze überqueren, außer es handelt sich um ein registriertes Handelsschiff. Ihr Schiffsprototyp, den wir angegriffen haben, hat die Grenze verletzt. Dies ist, ebenso wie ihr Angriff auf uns ein, aggressiver Akt.“
Ware der Fremde ein Mensch gewesen, er hätte wohl geseufzt:
„Kapitän, sie verkennen die Lage. Das, auf das sie geschossen haben, ist mitnichten ein Schiffsprototyp. Es ist weder ein Schiff, noch ist es neu. Aggressiv ist hier lediglich ihr Verhalten, es beweist nur wie unreif sie und ihr Volk sind.“
Ruthman wollte etwas erwidern, doch der Alien sprach weiter.
„Menschen fürchten das Unbekannte und sie sind zu schwach um diese Gewohnheit zu überwinden. Ich kenne die Geschichte eures Volkes und sie ist voll von Grausamkeiten, von Mord und Unterdrückung. Ihr seid ein gewalttätiges und dummes Volk. Doch ihr habt auch bewiesen, dass ihr lernen könnt. Ihr habt bereits eure eigene Vielfalt anzunehmen gelernt und habt es geschafft zu akzeptieren, dass es auch andere Rassen gibt, die ebenso wie ihr weit genug sind, um ihren Heimatplaneten zu verlassen. Doch jetzt müsst ihr noch etwas lernen. Ihr müsst begreifen, dass es auch ein Volk ohne Heimatplanet gibt. Wesen, die keine Welt brauchen, deren Heimat das All selbst ist. Merkt euch Kapitän, dass Wesen das ihr in eurer Verbohrtheit angegriffen habt ist euch weit überlegen. Es hätte euch in einem einzigen Augenblick vernichten können, doch ist es zu friedlich um es zu tun. Darum, nehmt nun meine Warnung an und lernt. Folgt dem Wesen drei eurer Tage, dann werdet ihr meine Worte begreifen. Nehmt ihr sie nicht an, dann wird euch Tod und Vernichtung beschieden sein.“
Der Zaneckianer sah den verwirrten Menschen einen Sekundenbruchteil schweigend an, dann drehte sich um und verschwand durch das Tor der Luftschleuse. Es kehrte ein Moment des Schweigens ein, bevor das zischende Geräusch des abfliegenden Zaneckianerschiffs die Stille unterbrach. Der Waffenoffizier sah seinen Vorgesetzten an, doch dieser sagte nichts sondern ging langsam zur Brücke zurück. Dort kamen beide Männer gerade rechtzeitig an, um auf dem Bildschirm beobachten zu können, wie der Kreuzer im Hyperraum verschwand.
„Steuermann, folgen sie dem Wesen dort draußen. Bleiben sie auf Abstand, aber lassen sie es nicht entkommen.“
Drei Tage später umkreiste die Argus einen kleinen Gesteinsplaneten ohne Atmosphäre in einem unbewohnten Sonnensystem. Hier gab es nichts von Interesse, nur einige unbewohnbare Planeten und einen winzigen Zwergstern. Dennoch waren alle Augen auf der Brücke auf den Bildschirm der Sensorenstation gerichtet, denn dort war ein Schauspiel zu sehen, das noch keines Menschen Auge je zuvor gesehen hatte. Das fremdartige Wesen, ein Bewohner des freien Weltalls, hatte sich auf dem toten Planeten niedergelassen, war gleichsam auf ihm gelandet und hatte seinen gewaltigen Leib in einem Hochtal ausgestreckt. Seit einigen Stunden hatte sich die Kreatur nicht mehr bewegt, dennoch gab es Aktivität. Die Sensoren der Argus registrierten enorme Wärmeentwicklung und eine bisher unbekannte Form von Strahlung. Kurz darauf stieß der Sensorenoffizier einen verwunderten Ruf aus.
„Kapitän, sehen sie nur!“
Ruthman hatte es bereits bemerkt. Das große Wesen begann sich langsam von der Planetenoberfläche zu erheben und lies eine zweite, kleinere Version seiner Selbst dort zurück. Es gab nur eine Erklärung: Die Besatzung des Langstreckenaufklärers war soeben Zeuge einer Geburt geworden.
„Kapitän, es kommt eine Nachricht herein. Von den Zaneckianern, nur Text.“
„Lassen sie sehen.“
Auf dem Bildschirm an der Kommandostation wurde die Nachricht eingeblendet. Sie trug die Kennung jenes zaneckianischen Kreuzers, der vor drei Tagen den Kurs der Argus gekreuzt und die Vernichtung des Weltraumwesens verhindert hatte. Die Nachricht bestand lediglich aus einem einzigen Satz:
„Menschen, seht und lernt vom Fremden.“


Markus Zinnecker, 2016

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