Sonntag, 20. November 2016

die häßliche Madonna



An einem halb vergessenen Ort, eingeklemmt zwischen dem gnadenlosen Betonband der Autobahn und der klaffenden Wunde eines alten Tagebaus, befindet sich eine kleine Kapelle. Niemand den ich gefragt habe weiß wie lange sie da schon steht. Wie lange ihr grobes Mauerwerk schon von Wind und Wetter zernagt und von den Wurzeln der umstehenden Bäume angehoben wird. Niemand kann sich erinnern, wer sie errichtet hat und aus welchem Grund. War es ein tiefer religiöser Impuls? Sühne für eine verborgene Schuld? Dank für die glückliche Heimkehr aus der Knochenmühle des Krieges? Einerlei, denn Spekulation nützt nichts. Die Kapelle ist da, soviel steht fest. Der Weg, der selten benutzt wird und halb von Unkraut und Gebüsch überwachsen ist, führt an der schmucklosen Rückseite des kleinen Sakralbaues vorbei. Die meisten der wenigen Wanderer, die hier vorbei kommen dürften die Kapelle kaum als solche erkennen. Sie wirkt aus dieser Perspektive eher wie ein Unterstand für die Gerätschaften eines Bauern.

Mach man sich jedoch die Mühe vom Weg abzuweichen und die Kapelle zu umrunden, so findet man eine steinerne Kirchenbank. Wie die Kapelle selbst aus grauem, brüchigem und langsam zerfallenden Stein errichtet. Flechten haben von der Bank Besitz ergriffen. Haben Flechten eine Religion? Wenn ja, zu welcher Gottheit beten sie wohl an diesem Ort? In der Kapelle gibt es nicht viel, ein rostiges Eisengitter schützt das Gnadenbild an der Rückwand. Dieses Gnadenbild fesselt die Gedanken, denn es ist unsagbar hässlich. Es ist keine liebliche Jungfrau, wie sie von ungezählten Marienbildnissen strahlt. Hier stellt keine freundliche, alabasterhäutige Schönheit mit Kirschlippen und Ebenholzhaar die irdische Mutter des göttlichen Erlösers dar. Es ist das grobe Gesicht einer Bäuerin aus vergangener Zeit. Ihr Gesicht ist breit, mit gesenkten Augen deren Blick wohl schon viel Not und Leid gesehen hat. Wie viele Tränen flossen wohl schon aus diesen Augen? Ihre Hände halten ein Kind, das wenig Freude zu kennen scheint. Das den Eindruck erweckt, sich den Händen seiner Mutter entwinden und ihr entfliehen zu wollen. Die Hände der Mutter, die mehr den Pflug als die Wiege gewohnt sind, denen harte Arbeit jede Anmut geraubt hat und die das verletzliche Wesen, welches in ihnen ruht, wohl nicht umschließen wie Samt, sondern wie grobes Sacktuch.

Dennoch, es ist schwer zu fassen, strahlt dieses gnadenlose Gnadenbild eine himmlische Majestät aus. Der vergessene Künstler, der in einer lange vergessenen Zeit dieses Bildnis schuf tat es nicht um etwas Hässliches zu erschaffen. Er tat sein Bestes und legt Zeugnis ab von einer unerbittlich harten Welt, voll Entbehrungen und Mangel. In einer Zeit, als selbst die Hilfe des Himmels ungewiss und wage erschien, erschuf er ein bleibendes Werk. Wohl ohne es zu wollen zeichnete er das Bild der wahren Madonna. Die Mutter eines armen Heilandes für die Elenden dieser Welt. Es ist als würde ein Vorhang zurückgezogen und langsam der Blick auf bisher verborgenes freigegeben. Marias Blick, der Blick jener traurigen Augen, ist doch liebevoll und warm. Er sieht das ärmliche Wesen in ihrem Arm voll Freundlichkeit an. Armes, entbehrungsreiches Lebens macht oft die Hände hart, aber die Seele weich. Wohl bereiteter Boden für Wärme und Liebe, für Freundschaft und Herzlichkeit.

So wird die hässliche Madonna zum Sinnbild für all jene, die das Wenige das ihnen gegeben ist nicht für sich behalten sondern weitergeben. Oft ist es schon ein gutes Wort im richtigen Moment, ein Händedruck oder einfach ein Lächeln, geschenkt jemandem der kein Lächeln mehr hat, das einen Schatz eröffnet der reicher ist als alle Reichtümer der Welt.
Wir alle sollten die hässliche Madonna in unser Leben einlassen und von ihr lernen!



Text und Bilder: Markus Zinnecker, 2016


Wer die hässliche Madonna selbst besuchen möchte, der findet sie hier:

GPS-Koordinaten: 49°00'03.8"N 12°02'37.2"E


 


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