Sonntag, 27. November 2016

Der verlorene Hund



In den Weiten der afrikanischen Savannen lebte einst ein Mann der mit den Tieren sprechen konnte. Aufgrund dieser Fähigkeit wurde er von seinem Stamm als großer Schamane verehrt und zugleich gefürchtet. Darum lebte er zurückgezogen in einer Hütte, die an einem kleinen See im Schatten einiger Akazien stand. 

Eines Morgens saß der Schamane auf einem Stein am Ufer des Sees und unterhielt sich mit dem Krokodil, das im See lebte. Es war ein sehr altes und freundliches Krokodil, das nur noch selten fraß und weder grausam noch hinterhältig war, wie das den Krokodilen oft unterstellt wird. Plötzlich unterbrach er sich und horchte, er hatte den Eindruck, als habe er jemanden weinen gehört. Auch das Krokodil schien es bemerkt zu haben, denn es glitt leise zurück ins Wasser um nicht zu stören. Der Schamane glaubte schon er habe sich getäuscht, als er das leise Weinen wieder hörte, diesmal deutlicher und näher. Er sah sich um und entdeckte ein kleines Mädchen, das neben dem Eingang seiner Hütte saß. Langsam ging er hinüber und setzte sich neben das Kind: „Was ist los? Warum weinst du?“ Die Kleine sah ihn an und sagte: „Mein Hündchen ist in die Savanne gelaufen und ich finde es nicht mehr. Die alten Männer im Dorf haben mir erzählt, das du mit den Tieren sprechen kannst. Kannst du mir helfen es zu finden?“ Der Schamane lächelte und umarmte das Mädchen. Sanft strich er ihr mit der Hand über den Kopf und sagte: „Ich kann es versuchen, aber nicht alle Tiere hören mir zu wenn ich sie etwas frage.“ Die Kleine hatte aufgehört zu weinen und sagte: „Gut, ich hoffe du findest ihn. Er ist mein einziger Freund.“ Dann stand sie auf und ging langsam und mit gesenktem Kopf zurück zum Dorf. Der Mann stand ebenfalls auf und ging zum See zurück.

Das Krokodil lag mit weit aufgerissenem Maul am Ufer und lies sich von einem Madenhacker die Zähne reinigen. Als es den Schamanen kommen sah schüttelte es den Kopf und der Vogel flog davon. Der Mann sah den neugierigen Blick des Reptils und antwortete auf die ungestellte Frage: „Dem Kind ist sein Hündchen davongelaufen. Es hat mich gebeten das Tier zu suchen, aber ich weiß nicht wo ich anfangen soll.“ „Frag den Geier, dieser fliegt hoch und sieht alles.“ Meinte das Krokodil. Der Schamane sah sich um und ging los um den Geier zu fragen.

Der Geier hockte neben dem Skelett eines Zebras, von dessen Knochen er einige Fleischreste abnagte. Als er den Schamanen kommen sah hörte er auf zu fressen, hüpfte einige Schritte vom Kadaver weg und sah den Menschen misstrauisch an. Dieser blieb vor dem Vogel stehen und fragte: „Geier, ich wurde von einem Mädchen gebeten bei der Suche nach einem entlaufenen Hund zu helfen. Hast du etwas gesehen?“ Der Aasvogel legte den Kopf schief und dachte nach: „Einen Hund sagst du? Ich habe keinen Hund gesehen, frag den Löwen, er wandert den ganzen Tag umher und sieht viele Dinge.“ Der Schamane nickte und bedankte sich, dann ging er los um den Löwen zu fragen.

Der Löwe lag faul im Schatten einiger Felsen als der Schamane ihn fand. Sein dicker Bauch verriet, dass er vor kurzem gefressen hatte. Ein gutes Zeichen, denn ein satter Löwe ist meist auch ein gut gelaunter Löwe. Als er den Schamanen sah erhob er sich halb und stieß ein majestätisches Brüllen aus. Der Mann hob die Hände und verneigte sich respektvoll, als er in einiger Entfernung stehen bleib und fragte: „Löwe, König der Tiere, ich wurde von einem Mädchen gebeten bei der Suche nach einem entlaufenen Hund zu helfen. Hast du etwas gesehen?“ Die Katze streckte sich und antwortete: „Einen Hund? Ja, ich hab einen Hund gesehen, er lief vom Dorf deines Volkes an den Termitenhügeln vorbei auf die Elefantenherde zu. Vermutlich haben die ihn zertrampelt.“ Der Schamane verneigte sich erneut und bedankte sich, dann ging er los um bei den Elefanten nachzusehen.

Die Elefanten waren weiter gezogen und nur ein besonders großer Bulle war noch in der Nähe der Termitenhügel zurück geblieben. Langsam rupfte er frisches Grün aus der Krone eines Buyubaums und stopfte sich die Äste geräuschvoll ins Maul. Er bemerkte den Menschen erst, als dieser ihn mit lauter Stimme anrief: „Elefant, mächtiger Herrscher der Savanne, ich brauche deine Hilfe!“ Der Elefantenbulle, der schon sehr alt und schwerhörig war, stampfte auf den Mann zu und schlang ihm seinen Rüssel um den Leib. Dann hob er ihn hoch und hielt ihn direkt vor eines seiner gewaltigen Ohren. „Spricht lauter Mensch, ich verstehe dich nicht.“ Die grollende Stimme des grauen Riesen lies den Schamanen erschaudern, dennoch schrie er dem Dickhäuter ins Ohr: „Ein Mädchen hat mich gebeten bei der Suchen nach einem entlaufenen Hund zu helfen. Hast du etwas gesehen?“ Mit einem Nicken seines Kopfes setzte der Elefant den Menschen wieder auf den Boden und antwortete: „Ja, den Hund habe ich gesehen. Er rannte aus dem Dorf deiner Leute an den Termitenhügeln vorbei, sah den Löwen und floh vor ihm. Eines unserer Jungen wäre fast auf ihn getreten. Dann lief er hinüber zur Schlucht in der die Hyäne haust. Ich wollte ihn noch warnen, aber er war zu schnell.“ Wieder bedankte sich der Mann und ging in die Richtung in der sich die Schlucht befand.

Die Hyäne saß im Eingang einer Höhle und schien mit dem Hund zu sprechen als der Schamane kam. Er hörte nur das schrille Lachen der Hyäne, verstand aber nicht was sie sagte. Als er näher kam unterbrachen die beiden Tiere ihr Gespräch und sahen den Mann neugierig an. „Du wagst dich in meine Schlucht, Mensch?“ Das übel beleumundete Tier klang mehr verwundert als aggressiv. „Ja Hyäne, denn ich suche den Hund des Mädchens. Es scheint, ich habe ihn bei dir gefunden.“ Der Hund sah ihn an und wirkte verlegen: „Hoffentlich ist sie mir nicht böse, aber ich wollte wissen ob die Geschichten stimmen.“ „Was für Geschichten?“ fragte der Schamane. „Die Menschen erzählen davon, wie gemein und hinterhältig, wie gefährlich und verschlagen die Hyäne sei. Ich verstand es nicht, denn sie tut nichts, was andere Tiere nicht auch tun, darum beschloss ich sie zu besuchen und nachzusehen, ob es stimmt was man erzählt.“ Wieder lachte die Hyäne. Der Hund fuhr fort: „Es stimmt nicht, ich glaube nicht das sie schlimm ist. Auch nicht das man Angst haben muss, nur Respekt, wie vor allen anderen Tieren auch. Sie kann nicht am Himmel gleiten wie der Geier und sie ist nicht schön und majestätisch wie der Löwe und auch nicht stark und gewaltig wie der Elefant. Darum sucht sie ihre Nahrung in der Nacht und mit großer Vorsicht, dennoch hat sie ihre Aufgabe und die Savanne könnte ohne sie nicht sein. Das Leben wäre ohne sie schlechter und sie ist wichtig und gut. Das habe ich jetzt gelernt und ich verlasse sie nicht als Freund, aber als respektvolles Mitlebewesen.“ Zur Hyäne gewandt fügte er noch hinzu: „Ich danke dir, denn du hast mich gelehrt was die Menschen nicht kennen: Toleranz und Ehrlichkeit sich selbst gegenüber.“ Er verneigte sich nach Hundeart, während der Schamane die Hyäne nach Menschenbrauch grüßte, dann gingen die beiden zurück zum Dorf. 

Das Mädchen freute sich sehr darüber, dass ihr der Schamane den geliebten Spielkamerad zurück brachte, doch diesem gingen die Worte des Hundes nicht aus dem Kopf. An jenem Abend saß er noch lange am Wasser und sprach mit dem Krokodil darüber, was man von Menschen nicht lernen kann, aber lernen können sollte.




Markus Zinnecker, 2016

 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen