Mittwoch, 14. September 2016

Lebensschiffe



Die Tage der Segelschiffe, der mächtigen Windjammer und Koggen, der kanonentragenden Linienschiffe und prachtvollen Handelsschiffe scheinen vorbei zu sein. Die Ozeane sind, so glauben die meisten Zeitgenossen, nur noch das Revier seelenloser Stahlgiganten, denen jeder Sinn für Freiheit und Abenteuer zu fehlen scheint. Doch wer so denkt liegt falsch, denn die Tage der mächtigen Segler sind noch nicht gezählt. Es mag stimmen, dass sie in den Weiten der erdumspannenden Wasserwüsten zu einer verschwindenden Minderheit, zu einem sympathischen Relikt einer, im verklärten Rückblick, goldverbrämten Epoche geworden sind. Dennoch füllen sich auch heute noch täglich die Segel abertausenden Schiffen. Doch sind dies Schiffe, die nur noch auf den Ozeanen der Phantasie kreuzen, die auf die Inseln der Träume zusteuern und auf deren Toppen weder die Flaggen der großen Nationen, noch die gekreuzten Knochen noch sonst ein anderes Tuch weht, als das der friedvollen Abenteuer und der Liebe.

Wenn in den alten Zeiten einmal ein Seemann in einem ruhigen Moment über das Wasser hinweg sah und dabei jenen Horizont fixierte, hinter dem sich die ferne Heimat befand, so stehen die Matrosen der Armada der Träume stets im Bug ihres Fahrzeugs. Der Blick ruht dabei auf dem Horizont der Zukunft, die mit verlockendem Sirenengesang all jene anzieht, die noch nicht vergessen haben wie man träumt. 

Doch wie bereits die antiken Seefahrer, unter ihrem Kapitän Odysseus, sind auch ihre modernen Kameraden auf ihren Traumreisen in Gefahr. Manch einer folgt dabei dem Vorbild der antiken Helden und verstopft seine Sinne mit dem Wachs der Resignation oder bindet sich mit den Seilen des Zwangs und der Konventionen an den Mast. Der Weise jedoch vertraut auf den rechten Steuermann, der mit Bedacht gewählt wurde und das Schiff sicher zu seinem Ziel lenkt.

Wer dem falschen Rudergänger vertraut, der kann erleben, wie dieser sein Schiff voller Heimtücke auf einen Kurs des Verderbens lenkt. Ein solches Schiff wird unweigerlich scheitern. Zerschellen an den Klippen und auflaufen auf den Sandbänken des Lebens. Als zerschlagenes Wrack versinken in den Mahlströmen der Depression jener, die nicht mehr träumen können. Derer deren Horizont sich auf ewig verfinstert hat.

Unter dem rechten Steuermann jedoch wird das Schiff die goldenen Küsten der Träume erreichen und der Wächter im Krähennest wird Wunder sehen, die kein Traum zu beschreiben, die keine Phantasie zu zeichnen und die kein Verstand zu begreifen vermag. Ein Schiff, das von den Händen eines wahren Admirals des Lebens fährt, wird zudem auf seiner Reise vielfach die Gelegenheit finden, gescheiterten Schiffen zu helfen. Sie von Klippen hinweg zu schleppen und ihnen neues Wasser unter ihre Kiele und frischen Wind in ihre Segel zu geben. 

Dort, wo reibende Schiffswände das Holz der Planken vernarbt und Flicken aus dem eigenen Segel das eines Anderen retten, dort verbindet sich bald ein Schiff zum anderen und gemeinsam kreuzen die Flotten der Freundschaft und der Einheit in eine Zukunft voller Wunder und Glück.


(c) Text: Markus Zinnecker, 2016
Bild: HMS Victory, gemeinfreies Werk (Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/HMS_Victory#/media/File:HMS_Victory_1884.jpg

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