Sonntag, 18. September 2016

Das Marktplatzgericht



Ein kleiner Ort wie die Anderen im Tal auch, kaum mehr als eine Ansammlung von bescheidenen Häusern. Die meisten davon, mit Stroh gedeckte, flache Gebäude ohne nennenswerte Besonderheiten. Nicht einmal Hausnummern kannte man in jenem entlegenen Dörflein. Den Bewohnern genügte es, die Häuser nach ihren Bewohnern zu benennen. „Dort wohnt der Schmied“ sagten sie zum Beispiel, oder „Jenes Haus gehört dem Bäcker.“ Dennoch war dieser Ort anders, als alle anderen Dörfer im Tal. Es war der einzige Ort, der einen Marktplatz hatte und darum kamen regelmäßig alle Bewohner der Gegend hier zusammen. Was war das jedes Mal für ein Trubel! All die Besucher, die Bauern mit ihren Fuhrwerken, die Hirten mit ihren Herden und die einfachen Leute, die Körbe und Fässer, Säcke und Kisten schleppten.

In all dem bunten Treiben fiel der Mönch in seiner schwarzen Kutte auf, eben weil er so einfarbig war und weil er einer der Wenigen war, die sich langsam und mit gemessenen Schritten zwischen den Ständen bewegten. Er hatte es nicht eilig, denn Eile hätte ihm nichts genützt. Die wenigen Besorgungen, die er im Auftrag des Klosters zu tätigen hatte, waren bereits erledigt. Die Waren die er erworben hatte, einige Säcke mit Getreide und zwei Ballen Stoff, lagen bei einem vertrauenswürdigen Menschen und er würde sie abholen, sobald sein Bruder mit dem Packpferd zurückkam. Das brave Tier brauchte neue Hufeisen, weshalb sich die Mönche getrennt hatten. 

Während er so durch die Reihen der Marktstände wanderte und sich das Treiben ansah, bemerkte der Pater einen Mann in schäbiger, verschmutzter Kleidung am Rand des Platzes stehen. Dieser betrachtete mit dem Blick eines fernen Beobachters das Marktgeschehen, wobei ein seltsam melancholischer Ausdruck auf seinem Gesicht lag. Einer plötzlichen Eingebung folgend, sprach ihn der Mönch an:

„Gott zum Gruße guter Mann. Was schaust du an diesem schönen Tag so traurig? Bedrückt dich etwas?“

Der Mann, der den Mönch bisher nicht bemerkt hatte, sah diesen an und entgegnete:

„Ach Bruder, was soll ich tun? Ich bin ein einfacher Bauer. Die Ernte habe ich gerad verkauft, bis auf das Wenige, das ich für mich selbst brauche. Jetzt habe ich ein bisschen Geld, genug um damit bis nächstes Jahr aus zu kommen. Aber manchmal wünschte sich man eben doch, einmal genug zu haben um sich etwas leisten zu können. Siehst du den Ratsherren da drüben, am Stand des Gewürzhändlers? Er ist reich und kann sich Dinge leisten, von denen ich nicht einmal zu träumen wage. Ich weiß, Neid ist eine Sünde, aber trotzdem beneide ich ihn.“

Leise nickend legte ihm der Mönch die Hand auf die Schulter. Er wusste, dass jedes Wort über den christlichen Wert der Armut den Bauern nur gekränkt hätte. Darum sprach er diesem einen kurzen Segen zu und verabschiedete sich dann. 

Nach einer kurzen Weile, der Bruder betrachtete im Vorbeigehen einen besonders prächtigen Stier, der am Stand des Viehverkäufers angebunden war, ertönte direkt neben ihm ein spitzer Schrei. Erschrocken sah sich der Mönch um und erblickte den Ratsherren, auf den ihn der Bauern gerade aufmerksam gemacht hatte.

„Verzeiht guter Herr. Habe ich euch angerempelt? Der Herr und auch sie mögen es mir verzeihen.“ 

Besorgnis erfüllte ihn, als er die Schmerzen auf dem Gesicht des älteren Mannes sah. Dieser antwortete nicht sofort, sondern holte ein Seidentuch aus der Tasche seines Samtrocks und wischte sich damit übers Gesicht.

„Schon gut Pater. Ich muss mich entschuldigen, denn ich habe euch erschreckt. Es war ein unglücklicher Zufall, aber ihr seid mir auf den Fuß getreten, in dem mich seit langem die Gischt quält. Es war nicht so schlimm. Mehr der Schreck als der Schmerz, ließ mich schreien. Wisst ihr, das Leben ist manchmal wirklich ein Tal der Tränen, genau wie es in eurer Bibel steht. Gesund und jung müsste man wieder sein, so wie dieser Bengel dort. Wie ich ihn doch beneide!“ 

Mit diesen Worten zeigte er auf einen Straßenjungen. Eines jener Kinder armer Landarbeiter, die sich ihr karges Leben dadurch verbesserten, dass sie auf den Märkten Lebensmittel stahlen oder Reste aufsammelten. Der Mönch legte auch dem Ratsherrn die Hand auf die Schulter, segnete ihn und ging dann weiter. An einem Stand mit Früchten blieb er stehen, als er einen lauten Ruf hörte:

„Halt! Bleib stehen du elender Dieb!“

Gerade als er sich umdrehen wollte, rannte ihm der Straßenjunge in die Arme, auf den kurz zuvor der Ratsherr gezeigt hatte. In der Hand hielt er eine große, saftig aussende Birne, die er wohl gerade dem Händler am Stand nebenan gestohlen hatte. Dieser war dicker Mann mit kurzen, an Säulen erinnernden Beinen, dessen nahezu perfekt kugelförmiger und völlig kahler Kopf ohne erkennbaren Hals auf den Schultern zu ruhen schien. Der Mönch umfasste die Arme des Jungen und bemerkte dabei, dass diese kaum mehr als Knochen mit etwas Haut darüber waren. Er ging in die Knie und sah dem Kind ins Gesicht. Auf den Zügen des kleinen Diebes lagen nicht nur Angst vor der Strafe und Ärger darüber gefasst worden zu sein, sondern auch die untrüglichen Zeichen eins entbehrungsreichen Lebens. 

„Was ist los? Warum tust du so Etwas?“ 

Die weiche, aber doch feste Stimme des Paters brachte den wütenden Händler zum Stehen und verhinderte, dass dieser auf den Jungen einschlug. Denn die Frage des Mönches war an beide, den Jungen und den Händler, zugleich gerichtet.

„Ich habe Hunger ehrwürdiger Vater. Einmal im Leben will ich so satt sein wie dieser geizige Fettsack, freiwillig gibt er nichts. Selbst die fauligen und beschädigten Früchte an seinem Stand nicht, denn er mästet damit sein Schwein, das ebenso fett ist wie er selbst. Darum muss ich von ihm stehlen, aber trotzdem beneide ich ihn.“

Der Blick des Paters wanderte vom Jungen zum Händler und dieser, von dessen Autorität zur ruhigeren Reaktion gezwungen, antwortete:

„Ach, keine Ahnung hat der Kerl! Ja, satt bin ich, aber schulden hab ich auch. Sie drücken mir das Dach ein und rauben mir den Schlaf. Darum kann ich nichts geben, denn ohne meine Einnahmen und ohne mein Schwein würden mich die Gläubiger Pfänden und ich wäre bald ebenso arm wie dieser kleine Verbrecher. Seht euch den Bauern an Bruder, “ mit diesen Worten zeigte der Händler auf den Mann, mit dem der Mönch zuerst gesprochen hatte, „sein Hof ist klein und er kann gerade so davon leben, aber er kann wenigstens nachts ruhig schlafen und hat keine Schulden. Wenn ich auf jemanden neidisch bin, dann auf Leute wie ihn.“ 

Der Junge sah den Händler mit weit geöffneten Augen an und reichte ihm die Birne. Doch dieser nahm sie nicht, sondern drehte sich nur um und ging zu seinem Stand zurück. Der Mönch jedoch ging, begleitet vom Straßenjungen, der einige Schritte hinter ihm her lief, langsam weiter. Der Pater hatte an diesem Tag viel gelernt, über das Urteilen und die Menschen, die damit meist viel zu schnell bei der Hand sind.



(c) Text: Markus Zinnecker, 2016

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