Donnerstag, 21. Juli 2016

Sandra und der Tod

Am Rand des Waldes stand ein kleines Haus. Dort wohnte Sandra mit ihrer Familie. Sandra war, darüber waren sich alle die sie kannten einig, ein ganz besonders fröhliches und aufgewecktes Kind. Nur ganz selten war sie traurig, aber trotzdem wusste sie was Traurigkeit ist. Daher wusste sie auch, dass die seltsame Gestalt, die sie eines Tages auf einem Baumstamm im Wald sitzen sah, traurig war. Zusammengesunken, das Gesicht in den Händen vergraben, saß sie da. Eine große, hagere Erscheinung in einem langen schwarzen Mantel mit Kapuze. Als wäre diese Bekleidung nicht schon merkwürdig genug gewesen, war neben der traurig dahockenden Gestalt ein seltsamer, altmodischer Gegenstand an den Baumstamm gelehnt. Eine lange, ebenfalls vollkommen schwarze, Sense. Sandra beobachtete den Fremden einige Zeit lang und hörte sein fernes, leises Schluchzen. Sie überlegte, warum er denn dort säße und leise weine, doch ihr fiel kein vernünftiger Grund dafür ein. Darum fasste sie sich ein Herz und ging langsam auf die Gestalt im schwarzen Mantel zu. Einige Meter vor dem Fremden blieb sie stehen und sagte, so leise und sanft es ihr möglich war: „Entschuldigung. Warum weinen Sie?“

Der Fremde hob seinen, von der Kapuze bedeckten, Kopf und sah Sandra ins Gesicht. Der Anblick des Gesichtes, das es zu sehen bekam, ließ das Mädchen vor Schreck erstarren. Mit weit aufgerissenen, angsterfüllten Augen sah sie in leere Augenhöhlen und auf das bleiche Grinsen eines Totenschädels. Sie hatte schon Bilder von Menschenskeletten gesehen, doch dass jetzt eines vor ihr saß und scheinbar ausgesprochen lebendig war, schockierte sie zu tiefst. Umso überraschter war Sandra, als sie die überraschend sanfte, weiche Stimme des gruseligen Fremden hörte: „Ich weine, weil die Menschen mich fürchten. Sie haben große Angst vor mir und verstehen nicht, dass ich Teil ihres Lebens bin. Für manche bin ich gar ein lange ersehnter Freund, den zu treffen sie sich sehr wünschen. Ich kenne jeden Menschen und ich besuche jeden, irgendwann. Auch dich kleine Sandra und du siehst, auch du hast Angst vor mir, obwohl dazu kein Grund besteht.“ Langsam sank der Totenschädel unter der Kapuze wieder auf die Hände, die in schwarzen Handschuhen steckten und das Gesicht erneut verbargen. Sandras Angst war plötzlich wie weggeblasen. Der Fremde mochte schaurig aussehen, aber offenbar war er freundlich! Außerdem kannte er sogar ihren Namen, woher wohl? Sie atmete tief durch und trat mutig einen Schritt vor: „Haben sie einen Namen?“ Wieder hob sich das Schädelgesicht und der Fremde sah Sandra einige Sekunden an bevor er antwortete: „Ich habe viele Namen. Die alten Ägypter riefen mich Nauti, in Asien gab man mir den Namen Yama und die Griechen nannten mich Thanatos. Heute kennt man mich im Allgemeinen als Tod.“ Sandra starrte den Tod an. Es fiel ihr schwer die Worte des schaurigen, gleichzeitig so sanft und freundlich wirkenden Wesens zu fassen.

Es legte sich ein Moment des Schweigens über Sandra und den Tod, dann sagte das Mädchen: „Meine Oma ist letztes Jahr gestorben. Da hat Onkel Hubert gesagt, sie habe der Sensenmann abgeholt und weggebracht. Stimmt das? Waren sie das?“ Der Tod nickte. „Ja kleine Sandra, das war ich. Deine Oma war alt und krank, wie du ja weißt. Sie gehörte zu den Menschen, die sich über mein Kommen gefreut haben. Sie wusste, dass ich sie hinüberbringe, an einen Ort an dem es keine Schmerzen, keine Krankheit und kein Alter mehr gibt. An dem es auch mich nicht gibt.“ „Wann kommen sie zu einem Menschen?“ Sandras Frage wurde von unterdrückten Tränen begleitet. „Das weiß niemand, auch ich nicht. Wenn es an der Zeit ist, dann erscheine ich einfach, geführt von unverständlichen Kräften.“ „Aber nicht alle Menschen sterben wenn sie alt und krank sind, manche sterben auch wenn sie jung und gesund sind, so wie die Mama von Christian aus der Schule.“ Der Tod senkte den Kopf als er antwortete: „Ja, das ist wahr. Ich hasse es, wenn ich bei solchen Menschen erscheine, denn dann bringe ich oft großes Leid über ihre Familien. Ebenso hasse ich es, wenn ich auf den Schlachtfeldern der Kriege erscheinen und das unvorstellbare Leid ansehen muss, dass die Menschen einander aus Dummheit und Unverständnis zufügen.“ „Und weil sie auch so etwas tun müssen, halten die Menschen sie für böse? Deshalb fürchten sie sich vor ihnen?“ Sandra sah dem Tod ins Gesicht und fand ihn nicht mehr beängstigend, nicht einmal mehr schaurig, er tat ihr einfach nur leid. Der Totenschädel mit der Kapuze nickte als er antwortete: „Ja, so ist es kleine Sandra.“

Sandra setzte sich neben den Tod auf den Baumstamm und legte ihre Hand auf die Schulter der Gestalt. Durch den schweren Stoff des Mantels fühlte sie die Skelettschulter leicht zittern. In den Bäumen um sie herum sangen Vögel und ein Eichhörnchen hockte, einige Meter entfernt, auf einem Baumstumpf und beobachtete das merkwürdige Paar neugierig. Nach einiger Zeit fragte das Mädchen den Tod: „Was passiert mit den Menschen, nachdem sie ihnen erschienen sind?“ Der Tod sah Sandra ins Gesicht und schien plötzlich gar nicht mehr traurig zu sein: „Es gibt einen Ort jenseits dieser Welt, dort ist es wunderschön. Es gibt dort nur Licht und Liebe, niemand leidet, niemand stirbt und niemand ist traurig. In diese unbeschreiblich schöne Welt bringe ich diese Menschen. Mir selbst ist der Zutritt dort versagt und wenn eines Tages diese Welt zu existieren aufhört, dann werde ich ebenfalls aufhören zu existieren, aber das macht nichts, denn meine Aufgabe wird dann erfüllt sein.“ Sandra sah den Tod wieder an und antwortete: „Das klingt irgendwie schön, ich würde diesen Ort gerne auch einmal sehen.“ Der Tod nahm sie in die Arme und Sandra schmiegte sich vertrauensvoll an die schwarze Gestalt, sie hatte keine Angst, kein bisschen Furcht war übrig geblieben. Sie spürte die Wärme des schweren Stoffes des Mantels und fühlte sich sicher und geborgen. Wie aus weiter Ferne hörte sie die sanfte Stimme des Todes: „Ja kleine Sandra, das wirst du. Sehr bald sogar.“ Lächelnd schlief das Mädchen in den Armen des Todes ein. Ihr irdischer Körper sollte niemals wieder erwachen, nur ihre Seele erhob sich zu lichten, ewigen Weiten. Der Tod stand am Rand der Ewigkeit und sah ihr noch eine Weile nach.


Text: Markus Zinnecker, 2016
Bild: Incry, 2012 (GNU-Lizenz)
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Death_drawing_plain.jpg?uselang=de

 

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