Freitag, 29. Juli 2016

Newmans-World

Eine Welt versinkt im Chaos von Terror und Hass. Das Bild ist seltsam aktuell, heute und auch in der fernen Zukunft des Urmanov-Universums. Genau wie die Erkenntnis, dass aus Hass nur neuer Hass, aus Hass Krieg und aus Krieg das Verderben aller erwächst.

***

Der Hyperraum, ein merkwürdiger Ort ohne Substanz, ohne Dimension. Länge, Breite, Höhe, Zeit, Geschwindigkeit, alles Begriffe, die an diesem Ort keinerlei Bedeutung haben. Ein gesetzloser Ort, an dem die Regelwerke der Physik scheinbar keine Gültigkeit besitzen. Ein Raumschiff, das sich aus den geordneten und den Menschen scheinbare Sicherheit gewährenden Gefilden des Einsteinkontinuums hierher begibt, trägt seine Passagiere in kürzester Zeit von einem Ort zum Andere, ohne sich dabei auch nur einen Millimeter vom Fleck zu bewegen. Sprungantrieb, ein lächerlich simpler Name für eine Maschine, die das vermag, was eigentlich den Göttern vorbehalten sein sollte: Das ewige Kontinuum von Raum und Zeit zu zerreißen und zu verbiegen, ja die Essenz des Universum selbst so zu verformen, dass sie den Wünschen von lächerlich schwachen Wesen gehorchte. 
 
Kapitän Urmanov diente seit einem Menschenalter in der Raumflotte, er hatte unzählige Hyperraumsprünge erlebt und dennoch war dieses Wunder der Wissenschaft für ihn nie zu einer alltäglichen Selbstverständlichkeit geworden. So saß er auch diesmal an der Kommandostation auf der Brücke der Ural und sah hinaus in die absolute, sternenlose Schwärze, welche seine SS Ural umgab, während wiedereinmal das magische Werk einer interstellaren Raumreise vollzogen wurde. 
 
Der aktuelle Auftrag, mit dem die Ural unterwegs war, wurde von den meisten Besatzungsmitgliedern als angenehm empfunden. Sie waren unterwegs zu einer kleinen Raumkolonie im Sirius-Cluster. Newmans-World, eine der am weitesten entfernten Kolonien der Menschheit, weit außerhalb der Grenzen der Union. In den 3250er Jahren war die Kolonie von einer unabhängigen Raumexpedition gegründet worden. Innerhalb von weniger als einhundert Jahren war aus einer kleinen Ansiedlung eine blühende Oase geworden. Newmans-World, benannt nach dem Anführer der ersten Siedlergruppe, war der vierte von neun Planeten eines blauen Zwerges. Der für seine Klasse ungewöhnlich helle und warme Stern und die angenehmen Umweltbedingungen des Planeten hatten viele Siedle der so genannten zweiten Welle angezogen. An Bord der Ural befanden sich landwirtschaftliche Maschinen und Nahrungsergänzungsmittel, die von den Kolonisten nicht selbst hergestellt werden konnten. 
 
„Kapitän, wir erreichen Newmans-World in einigen Minuten. Leite Absprungsequenz ein.“ 
 
Die ruhige Stimme des Steuermannes weckte den Kommandanten aus seiner Grübelei. Einer alten Gewohnheit nachgebend stand er auf und trat hinter den Rudergänger.

„Sehr gut. Wenn wir aus dem Sprungtor raus sind, nehmen sie Kurs auf die Raumstation.“ 
 
„Verstanden Herr Kapitän.“

Wohltuende Routine. Urmanov atmete tief durch und sah aus dem großen Aussichtsfenster der Brücke. Ohne Vorwarnung, aber auch ohne irgend ein Geräusch oder einen spürbaren Effekt verschwand die Dunkelheit des Hyperraumes und wurde schlagartig durch das helle, bläuliche Licht des Zentralsterns ersetzt. Im sanften Licht der kleinen Sonne leuchtete der vierte Planet und die Hüllen einiger kleinerer Raumfahrzeuge, die in der Nähe des Absprungtores unterwegs waren glitzerten. 
 
Von der Funkstation, im hinteren Teil der Brücke, erklang eine erstaunte Stimme:

„Oh, was für ein schönes System.“ 
 
Urmanov lächelte. Der Funker war ein junger Matrose auf seiner ersten Raumreise, ein grüner Bursche, der noch mit kindlicher Freude über die Wunder des Universums staunen konnte. 
 
„Warten sie ab bis sie den Planeten aus der Nähe sehen. Er ist nicht von ungefähr eines der beliebtesten Urlaubsziele für gestresste Manager aus der Union. Doch jetzt melden sie uns an, die Raumfahrtkontrolle wartet sicher schon ungeduldig.“

„Ja Herr Kapitän!“

Leise klickende Tasten und das summen der Funkstation zeigten an, dass sich der Funker sofort an die Ausführung des Befehls machte. Der Kapitän sah derweil weiterhin aus dem Fenster und beobachtete, wie sich sein Schiff, geführt von den geschickten Händen des Steuermannes, langsam der Raumstation näherte, die den vierten Planeten in hohem Orbit umkreiste. Wie alle Tiefenraumfrachter konnte auch die Ural nicht auf einem Planeten landen, sie musste im All bleiben und ihre Fracht an Raumstationen oder mit Hilfe kleinerer Einheiten löschen.

„Raumfahrtkontrolle, hier spricht die SS Ural, erbitte Anflugkorridor zur Raumstation.“

„SS Ural, hier Raumfahrtkontrolle. Bleiben sie auf Kurs und nähern sie sich der Station auf zwei AE mit halbem Schub. Dann stoppen sie ihre Maschinen und warten auf weitere Anweisungen.“

„Verstanden Raumfahrtkontrolle. Ural Ende.“

Urmanov spürte wie sich eine seltsame Spannung über die Brückenbesatzung legte. Üblicherweise erhielten Frachter wie die Ural eine Korridorfreigabe und mussten nicht in Warteposition gehen. Sehr seltsam, irgendetwas stimmte nicht. 
 
Einige Minuten später hatte das Schiff die angegebene Position erreicht und der Steuermann brachte es in einer relativen Position zum Stillstand. Natürlich ist es für ein Raumschiff im Grunde unmöglich anzuhalten, denn jedes Objekt im Universum bewegt sich ständig mit unvorstellbarer Geschwindigkeit durch den Raum. Jeder Mond umkreist seinen Mutterplaneten, jeder Planet seine Sonne und jede Sonne umkreist, im Schwarm mit all ihren Schwestergestirnen, den Galaktischen Kern. Die Galaxien selbst rasen durch die unendliche Leere des intergalaktischen Raums und das Universum selbst dehnt sich immer weiter aus. Doch für die Besatzung der Ural wirkte es in diesem Moment, als habe ihr treues Schiff angehalten. Weder der Zentralstern des Systems noch die in Sichtweite liegenden Planeten bewegten sich, denn die Kunst des Steuermannes hielt den nach menschlichen Maßstäben riesigen Metallleib der Ural in einer relativen Ruheposition. Doch diese Ruhe sollte nur von kurzer Dauer sein, denn kaum eine Minute nach der Ankunft an der Warteposition tauchten zwei Kontakte auf dem Sensorenbildschirm auf und kurze Zeit später waren die beiden Raumjäger durch die Panoramascheiben des Brückendecks klar zu erkennen. Einer der Jäger begann die Ural zu umkreisen, während das zweite Schiff sich dem Frachter bis auf wenige hundert Meter näherte. Für den Piloten des kleinen Kampfschiffs musste es wirken, als habe man eine Wand aus Rumpfplatten im All errichtet. Dennoch, der träge und unbewaffnete Frachter wäre im Kampf eine leichte Beute gewesen. Dem Kampfpiloten lag jedoch nichts ferner als die Waffen seines Schiffs zu aktivieren, ganz im Gegenteil. Auf dem Funkbildschirm der Ural erschien das Gesicht des Mannes, als dieser einen Kommunikationskanal öffnete.

„SS Ural, hier Raumpatrouille von Planet Newman. Ihre Angaben scheinen in Ordnung zu sein, bitte nähern sie sich der Raumstation an. Sie haben Anflugerlaubnis. Die Station wird sich wegen einer Andockerlaubnis melden.“

Urmanov und sein erster Offizier, Sergeant Mayers, wechselten einen verwirrten Blick. Sowohl der Kommandant als auch die Frau mit den auffallenden orangen Haaren hatten etwas Derartiges in einem friedlichen System wie Newmans-World noch nie erlebt.

Einige Stunden später, das Löschen der Fracht war in vollem Gange und Urmanov kam sich, wie immer wenn sein Schiff an einer Raumbasis angedockt war, reichlich nutzlos vor, wanderte der Kommandant der Ural durch die Gänge der Raumstation. Neben ihm ging ein älterer, untersetzter Mann her, der einen eng anliegenden, grünlich schimmernden Anzug trug. Dem Kommandanten der Raumbasis. Die beiden Männer unterhielten sich seit einiger Zeit angeregt und endlich kam das Thema zur Sprache, das den Kapitän bereits seit der Ankunft im System beschäftigte.

„Entschuldigen sie bitte den etwas frostigen Empfang Kapitän. Leider hatten wir in letzter Zeit einige Schwierigkeiten und müssen daher besonders vorsichtig sein. Wir versuchen zwar, die Belästigung für unsere Gäste so gering wie möglich zu halten, aber manche haben leider kein Verständnis für unsere Situation.“

Urmanov war stehen geblieben und sah aus dem Panoramafenster des Promenadendecks hinaus. Den Blick immer noch ins All gerichtet antwortete er:

„Was ist den los?“

„Leider wurden wir in den letzten Monaten mehrmals von Piraten angegriffen. Vor etwa einem Jahr hat es einen spektakulären Unfall auf einen Konvoi von Minenschiffen, draußen im Asteroidengürtel, gegeben. Dabei wurde ein Pirat gefangen genommen und auf dem Planeten inhaftiert. Bedauerlicherweise hat er sich das Leben genommen bevor alles für einem Prozess bereit war. Die verbliebenen Piraten haben daraufhin Rache geschworen und terrorisieren jetzt die Bevölkerung. Erst vor zwei Tagen wurde ein Passagierschiff von einer mit Sprengstoff präparierten Frachtdrohne zerstört. Dabei hat es über einhundert Tote gegeben.“

„Was tun sie gegen das Piratenproblem?“ 
 
„Nun, wir versuchen uns so gut es geht zu schützen. Passagierschiffe werden von Jägern eskortiert und alle Einrichtungen überwacht. Im System ankommende Schiffe werden abgefangen und ihre Identität überprüft, das kennen sie ja aus eigener Erfahrung.“

„Kennen sie die Basis der Piraten? Kann man sie nicht wirksamer bekämpfen?“ 
 
Ein seltsamer, trauriger Gesichtsausdruck legte sich auf das Gesicht des Stationskommandanten. Er sah, genau wie Urmanov, aus dem Fenster und seufzte bevor er antwortete:

„Ja, wir wissen wo die Piraten herkommen. Ihre Basis ist ein entlegener Planet in einem unabhängigen System. Eine der so genannten wilden Kolonien. Eine Ansiedlung von Glücksrittern und Abenteurern die dort, außerhalb der Union, versuchen sich ein Leben aufzubauen. Wir haben diese Informationen an die Unionsmarine weitergeleitet und dummerweise hat die Admiralität dies als Aufforderung zu einem Vergeltungsschlag angesehen. Es war schrecklich! Zwei Kreuzer haben den Planeten bombardiert, zwanzigtausend Tote, die meisten Zivilisten. Die Piraten hat das nicht aufgehalten, nur uns eine schreckliche Schuld auferlegt.“

Urmanov, der im Krieg gegen die Dworzianer gesehen hatte, welch schreckliche Verwüstungen ein orbitales Bombardement anrichtete, schauderte. Bevor er etwas erwidern konnte, sprach der Kommandeur mit stockender Stimme weiter.

„In diesem Moment haben wir uns auf die gleiche Ebene herab begeben wie die Terroristen. Wir haben unschuldige ermordet und unsägliches Leid über die Bevölkerung gebracht. Die Marine ist glücklicherweise wieder abgezogen und wir versuchen jetzt zu helfen wo wir können. Newmans-World ist selbst eine arme Kolonie, aber wir haben genug um denen zu helfen, die durch unsere Schuld noch weniger haben. Wir dürfen nicht auch in blinder Rache versinken, sondern müssen hoffen, dass unsere Güte den Feinden zeigt, auf welch falschem Weg sie sind. Hassen ist leicht, man verfällt zu einfach auf diesen Weg. Doch die Wurzel dessen ist letztendlich nur die Angst, die diese Verbrecher zu schüren versuchen. Wenn wir uns von ihnen fürchten, dann haben sie gewonnen und ihr Ziel erreicht. Das darf nicht geschehen.“

Urmanov starrte wieder aus dem Fenster. Draußen herrschte reger Flugverkehr. Einige kleinere Frachter umkreisten die Station, umschwirrt von einer Vielzahl winzigster Raumfahrzeuge. Meist nur für eine oder zwei Personen gebrauchte Einheiten, die zwischen der Station und größeren Raumschiffen oder dem Planeten pendelten. Vor der großartigen Kulisse des Planeten, mit seinen tiefblauen Meeren und den merkwürdig ockerfarbenen Landmassen, die ihre Farbe von der vorherrschenden Pflanzenart, einer Art riesigem Nadelbaum mit braunen Nadeln, hatten. Ein wunderschöner Planet, ein Versprechen des Geheimnisses des Lebens und des Friedens, eingebettet in ein lebensfeindliches und unfriedliches Universum. Die Gedanken des Kapitäns wanderten zu all den Orten, an denen er auf seinen Reisen Unrecht erlebt hatte und er verstand, dass die Bewohner von Newmans-World auf dem richtigen Weg waren. Auf einem schwierigen und gefährlichen, aber lohnenden Weg der Güte und der Liebe.
Ohne sich dessen wirklich bewusst zu sein, legte Urmanov seine Hand auf die Schulter des Stationskommandanten und sah dem älteren Mann in die Augen. Dieser spürte, dass der Kapitän ihn verstanden hatte und ihm zustimmte. Ein wohliges Gefühl, nicht allein zu sein. 




Markus Zinnecker, 2016
 

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