Mittwoch, 13. Juli 2016

Kurzgeschichte: Pannenengel



Ein glühend heißer Sommertag, die Hitze lässt die Luft über dem Asphalt der Landstraße flimmern und kaum ein Lüftchen regt sich um den erhitzten Reisenden zu kühlen. Selbst der Fahrtwind, der den Fahrer auf seinem alten Moped umweht, erweckt den Eindruck direkt aus einem Hochofen zu kommen. Kaum verwunderlich, dass der Motor des kleinen Fahrzeugs irgendwann anfängt zu stottern und schließlich völlig verstummt. Glücklicherweise stehen einige Bäume am Straßenrand und spenden ihren Schatten, so hat der Gestrandete wenigstens etwas Schutz vor der Gluthitze des Tages.
Erstaunlich gelassen erträgt der Mopedfahrer sein Schicksal. Er schiebt sein Fahrzeug an den Straßenrand und kramt eine Wasserflasche aus der Packtasche, bevor er sich in den Schatten der Bäume setzt und den Verkehr auf der Landstraße beobachtet. Es fällt ihm leicht so gelassen zu bleiben, denn er kennt das Problem und weiß um seine Ursache. In einer Viertelstunde wird er weiterfahren können, nachdem der Motor ausreichend abgekühlt ist um wieder anzuspringen. So nutzt er die Zwangspause um sich etwas auszuruhen und die anderen Verkehrsteilnehmer zu beobachten.

Einige Wagen rollen vorbei, einige werden langsamer und ihre Fahrer sehen mit leerem Gesichtsausdruck zum Mopedfahrer hinüber. Andere beschleunigen merklich, bevor sie das am Fahrbahnrand abgestellte Fahrzeug passieren, nur um einige Strecke weiter wieder langsamer zu werden. Es ist eindeutig, dass die Einen nur ihre Neugier befriedigen und die Anderen bewusst nichts gesehen haben wollen. Umso erstaunter ist der Gestrandete, als ein Auto nicht nur langsamer wird, sondern auch mit ächzenden Bremsen zum Stehen kommt. Die Warnblinker des ramponierten Kleinwagens, dessen Karosserie scheinbar nur aus rostigen Fetzen zu bestehen scheint, beginnen ihr gelbliches Signal auszusenden und für einen Moment scheint nichts weiter zu geschehen.

Quietschend öffnet sich die Fahrertür und eine alte Frau steigt mühsam und umständlich aus dem Fahrzeug. Sie wirkt ebenso verlebt und abgerissen wie ihr Fahrzeug, ihre Kleidung besteht aus einer abgetragenen Kittelschürze und einer verblichenen Baseballmütze mit Werbeaufdruck eines amerikanischen Traktorherstellers. Doch ihre Augen leuchten hell und ihre Stimme wirklich lebendig als sie den gestrandeten Mopedfahrer anspricht: „Ko I da hoifa ?“ Dieser lächelt und antwortet: „Nein, es ist alles in Ordnung. Bald kann ich weiterfahren. Danke!“ Statt, wie erwartet, wieder in ihr Fahrzeug zu steigen und weiter zu fahren geht sie langsam um das Auto herum und betrachtet mit versonnenem Gesichtsausdruck das Moped. „Is a scho a wang oida, oda?“ Der Mopedfahrer ist inzwischen zu ihr getreten und nickt: „Ja, vierzig Jahre ist es alt. Darum setzt ihm wohl die Hitze auch etwas zu und ich muss es abkühlen lassen. Wissen sie, sie sind der erste Autofahrer der angehalten hat seit ich hier sitze.“ Jetzt lächelt die Alte und wirkt dabei, trotz einiger fehlender Zähne und der unübersehbaren Lachfalten in ihrem gebräunten Gesicht: „I vazoi dir a warum I des doa.“ 

In der seltsamen, irgendwie urtümlich wirkenden und von jeder falschen Folklore freien Art der Landbevölkerung begann sie zu erzählen. Sie berichtete ihrem Zuhörer von einer denkwürdigen Urlaubsreise, kurz nach dem Kriege. Ihr Mann war eben aus der Gefangenschaft bei den Amerikanern zurückgekehrt und zusammen begannen sie sich eine neue Existenz aufzubauen. Dies gelang recht gut und eines Tages erstand ihr Mann einen ramponierten, aber fahrtauglichen Wagen aus der Zeit vor dem Krieg. Das Fahrzeug sollte ihm dabei helfen seine Geschäft, den Handel mit Landmaschinen und landwirtschaftlichen Erzeugnissen, zu betreiben. Doch zuvor sollte das Fahrzeug dem jungen Ehepaar ermöglichen die durch den Krieg vereitelte Hochzeitsreise nachzuholen. Wie so viele Menschen in jener Ära träumten sie von Italien und so fiel die Wahl des Reiseziels auf das sonnige Land jenseits der Alpen. Die Berge sollten sich jedoch als zu großes Hindernis für das altersschwache Familienmobil erweisen und so strandeten die beiden, genau wie der Mopedfahrer nur ohne zu wissen wie sie weiterkommen sollten. Auf den dürftig belebten Straßen jener Zeit dauerte es dann auch einige Zeit, bis ein anderes Fahrzeug vorbei kam. Doch auch schon damals gab es Menschen, denen das Missgeschick ihrer Nächsten gleichgültig ist. Erst einige Stunden nach der Panne kam ein alter Bauer mit einem Ochsenwagen vorbei und frage, ob er helfen könne. Natürlich war der Mann nicht in der Lage das Auto wieder in Gang zu setzen, aber seine Ochsen waren stark genug ihren eigenen Wagen und das Auto zu ziehen und so zu einer Werkstatt zu bringen. 

Seit jenen Tagen hielt die Frau immer an, wenn sie jemanden am Straßenrand stehen sah der vielleicht Hilfe brauchen würde. Zwar war sie in all den Jahren nie in der Lage gewesen unmittelbar das Problem zu beseitigen, aber ihre einfache Anwesenheit hatte doch noch jedem Unglücksraben gut getan und somit die größte aller möglichen Hilfen gespendet. Denn erwiesene Anteilnahme am Geschick des Nächsten ist ein rares und darum sehr wertvolles Gut. Es ist der Ausweg aus der selbstzerstörerischen Sackgasse der Egomanie, in die so viele Menschen hineinrasen.

Achso: Der Mopedfahrer konnte nach der Unterhaltung mit der alten Dame weiterfahren, denn sein Fahrzeug hatte sich wieder abgekühlt. Dafür war sein Herz umso wärmer, was auch an einem heißen Sommertag nicht stört.



Tatsächlich erlebt und niedergeschrieben: Markus Zinnecker, 2016
 




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