Sonntag, 31. Juli 2016

die Legende von C'Lin



Wenn Raumfahrer Geschichten erzählen, dann kommt es immer wieder vor, dass einer von ihnen in Richtung des Orion sieht und bemerkt: „Diese Sterne haben schon Dinge gesehen, die kein Mensch begreifen kann.“ Denn hinter den Planetenbögen im Bild des Orion begann einst das Sternenreich der Kol. Gebaut auf den Strahlenkränzen der Kometen und gefestigt mit der Energie aus zehntausend Singularitäten. Die Imperatoren von Kol regierten ein Reich, das heute, Äonen nach seinem Untergang, nur noch wie das Produkt wilder Fantasien erscheint, aber doch einst real war. Xenoarchäologen fanden, auf entlegenen Monden und toten Planetoiden die Spuren jener unvorstellbar alten Zeit und sind in der Lage zu beweisen, dass die Legenden mehr sind als nur Geschichten aus einer verklärten Epoche. Eine dieser Legenden ist die von C’Lin, die ihre Feinde mit Weisheit und Güte überwand.

Als Imperatorin der Kol regierte C’Lin die Weise für fast vierzig Rotationen. Kein Kol und kein Außenweltler, der das Imperium besuchte, hatte jemals ein Wesen von solcher Anmut und Weisheit gesehen. Die Kol verehrten ihre Herrscherin ebenso, wie die Feinde des Imperiums sie fürchteten.
Einst war das Kolimperium unangreifbar gewesen, kein Feind hatte es gewagt die legendären Herrscher herauszufordern. Doch nun war eine neue Macht erwachsen, ein Volk in einem fernen Winkel des oberen galaktischen Drittels hatte vor kurzem die Raumfahrt entdeckt. Niemand wusste genau, wie es ihnen gelungen war, in weniger als zehn Generationen von primitiven, chemischen Raketen, die kaum die Umlaufbahn des eigenen Planeten erreichen konnten zur Beherrschung des überlichtschnellen Raumflugs zu kommen. C’Lin hörte mit großer Sorge die Berichte des Erkundungstrupps, der mit einem getarnten Schiff die Vorgänge im Heimatsystem der Fremden beobachtet hatte. Offenbar hatte das Volk seine aggressive Natur nicht abgelegt, nur weil ihre Technologie zu völlig neuen Höhen aufgestiegen war. Vielmehr waren jene Leute Krieger geblieben, von planetengebundenen, ihre eigenen Schwestern und Brüder abschlachtenden Primitivlingen, hatten sie sich zu hoch entwickelten, aber gefährlichen Raumfahrern verwandelt. Durch die Entwicklung des Hyperraumantriebs, waren sie in der Lage gewesen zwei benachbarte, friedliche Völker, von deren bloßer Existenz sie nur eine Generation zuvor nicht einmal wussten, zu unterwerfen. Ein weiteres Volk, die primitiven Gusoks von Theta-Irindi-Vier, hatten sie sogar einfach ausgelöscht um ihren Planeten besiedeln zu können.

C’Lins Gesichtsaudruck war wie immer schwer zu deuten, aber ihre Vertrauten wussten das sie sich große Sorgen machte. Das Imperium war militärisch schwach, stets hatten sich die Kol auf ihren legendären Ruf und die Macht des Friedens verlassen. In den letzten Zeiteinheiten war es zu mehreren Zusammenstößen mit dem neuen Feind gekommen. Niemand wusste genau was geschehen war, denn es gab keine Überlebenden. Nur die Berichte von Scoutdrohnen, die Bilder von vernichteten Raumschiffflotten übermittelt hatten. Die Entscheidung der Herrscherin war, auch für ihre engsten Vertrauten, eine Überraschung: „Ich habe beschlossen, den Herrscher jenes Volkes aufzusuchen das unsere Schwestern und Brüder bedroht.“ Einer ihrer Berater wollte etwas erwidern, doch sie schnitt ihm mit einem stummen Befehl das Wort ab, bevor er auch nur eine Silbe sagen konnte.
Nachdem C’Lin den Thronsaal in der Sternenhalle verlassen hatte, waren ihre Berater und Vertrauten in hektische Aktivität ausgebrochen. Jeder Wunsch der Imperatorin war ein unabdingbarer Befehl, ob man die Idee für gut hielt oder nicht, was C’Lin wünschte musste Realität werden. So kam es, dass nur wenige Zeiteinheiten später ein Kreuzer den Orbit um die Heimatwelt verlies und sich bereit machte in den Hyperraum einzutauchen. Auf dem Kommandodeck des Schiffs stand C’Lin und sah durch die Aussichtsfenster auf ihre Heimatwelt herab.

Wie ein unvorstellbar wertvoller Edelstein auf einem Kissen aus schwarzem Samt schwebte die türkisfarbene Kugel im Raum. Nur wenige Wolken bedeckten den Himmel und der Blick auf den planetaren Riesenozean der Wasserwelt war frei. Noch war der Kreuzer tief genug um einen Schwarm Himmelswale erkennen zu können. Die titanischen Körper der fliegenden Giganten schwebten als grauer Schatten durch die unglaublich dichte Atmosphäre des Planeten. Die riesigen Kreaturen lebten vom überreichen Sauerstoff des Planeten und dem Licht der zwei Zentralgestirne des Systems. Sie waren friedvoll und intelligent, ebenso wie die meisten anderen Spezies des Planeten, einschließlich der höchstentwickelten, den Kol. Es schien als würde sich er Planet zur Seite neigen und verschwinden, als der Raumkreuzer aus dem Orbit ausschwenkte. Mit rasender Geschwindigkeit wurde der türkisfarbene Planet immer kleiner und die Herrscherin der Kol drehte sich um. Ihr Blick ruhte jetzt auf dem vorderen Aussichtsfenster. In einem Moment waren noch die fernen Sterne zu sehen, dann verschwand das sichtbare Universum in tiefer Dunkelheit. Der Kreuzer war in den Hyperraum eingetreten und raste, eingehüllt in eine Blase aus verzerrter Raumzeit, seinem unvorstellbar weit entfernten Ziel zu. 

C’Lin staunte, als sie sah wie schön die Heimatwelt der Fremdem war. Der Planet ähnelte ihrer eigenen Heimat, nur das er von dunklem Blau und tiefem Grün beherrscht wurde. Es gab keinen Riesenozean, sondern mehrere kleine Meere, die von kontinentalen Landmassen unterbrochen wurden. Die Atmosphäre des Planeten war dünn und mit weißen Wolken durchsetzt, die im Licht des einsamen Zentralgestirns zu leuchten schienen. Die Begrüßung die den Besuchern aus einer fernen Welt zuteil geworden war, stand im krassen Kontrast zur Schönheit des Planeten. Ohne Vorwarnung hatte ein Geschwader aus kleinen Kriegsschiffen den Zerstörer angegriffen. Der Kapitän wollte das Feuer erwidern, doch die Imperatorin hatte es ihm verboten. Höchstpersönlich befahl sie der Besatzung, die Entermannschaften der Fremden an Bord zu lassen und sich kampflos zu ergeben. 

So verging nur wenig Zeit, bis eine Gruppe aus Fremden, vermutlich Offizieren, das Kommandodeck stürmte. Der Anführer erkannte sofort, welch hochrangiger Fang ihm geglückt war und er befahl seinen Leuten die Imperatorin festzunehmen. Das zufriedene Grinsen in seinem Gesicht hielt noch immer an, als er einige Zeiteinheiten später, zusammen mit seiner Gefangenen beim Herrscher des fremden Volkes vorgelassen wurde. Im Thronsaal des feindlichen Oberhauptes war es düster, an den Wänden hingen historische Waffen und eine Gruppe grimmig aussehender Leibwächter umstand den Thron. Barsch fragte der oberste Krieger: „Was willst du hier?“ C’Lin sah ihm ins Gesicht und beantwortete seine Frage mit ruhiger Stimme und nur einem Wort: „Frieden.“ Der Kriegerherrscher lachte und erwiderte: „Frieden kannst du haben, wenn der letzte von eurem Volk sich ergeben hat. Jetzt wo ich dich als Faustpfand habe, wird niemand wagen mich anzugreifen.“ „Das mag sein, aber auch ohne mich wäre dies nicht geschehen. Mein Volk ist friedlich, unsere Macht beruht nicht auf Waffengewalt.“ „Macht stützt sich immer auf Gewalt. Wie soll sie sich sonst durchsetzen?“ Der Herrscher des Kriegervolkes schien keine Antwort auf diese Frage zu erwarten, denn er bedeutete einem Wächter die Gefangene fortzubringen. Doch die Imperatorin sah ihrem Widersacher ins Gesicht und antwortete: „Es gibt eine Macht, die über jeder Gewalt steht. Die mächtiger ist als alles andere und deren sanfte aber doch unwiderstehliche Kraft jedes Hindernis zu überwinden vermag: die Liebe. Sie ist die Essenz des wahren Friedens.“ Verächtlich schnaubend befahl der Kriegsfürst dem Wächter die Gefangene ins sicherste Gefängnis zu bringen und gut zu bewachen. 

In der folgenden Nacht lag der Kriegerherrscher auf seinem Lager und starrte an die kahle Decke seines Schlafgemachs. Es waren die Worte der Imperatorin, sanft und freundlich vorgetragen, ohne jede Angst in der Stimme und doch so durchdringend und treffsicher wie ein Laserstrahl. Es waren Worte, die ihn nicht mehr losließen und ihn auf seinem Lager ruhelos machten. Neben dem Thronsaal gab es eine große Terrasse, auf diese trat der Ruhelose und sah über die nächtliche Stadt unterhalb des Palastes. Nach kurzer Zeit rief er den Wächter im Thronsaal zu sich und befahl ihm: „Schaff mir die Imperatorin her.“ In jener Nacht befragte er sie und sie erläuterte ihm wie man ein Friedensreich führte. Wie die sanfte und doch unwiderstehliche Macht von Liebe, Freundschaft und Vertrauen alles überwindet und sich auch vor der brutalsten Gewalt nicht zu scheuen braucht, einfach weil sie stärker und mächtiger ist als diese. Niemand wusste was ihn dazu bewegte diese Lehren anzunehmen und den Krieg gegen die Kol zu beenden, aber es folgte die Vereinigung der Mächte und ein neues, größeres Imperium entstand aus dem Zusammenschluss der beiden einst verfeindeten Mächte. 

All dies fand vor vielen tausend Rotationen statt und niemand weiß noch, warum die Kol letztlich doch verschwanden. Manche behaupten, dass sie ihre Aufgabe in diesem Universum beendet hätten und sich in ein anders begeben hätten, doch auch dies ist nur eine Legende. Ihr Friedensreich und die weise Imperatorin C‘Lin leben in den Legenden jedoch weiter. 



Markus Zinnecker, 2016

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