Mittwoch, 27. Juli 2016

Der weise Häuptling

Langsam legten sich die Farben des Herbstes über die Wälder und die Tage begannen kürzer, die Nächte kälter zu werden. Die Indianer vom großen Fluss bereiteten sich auf den Winter vor. Die Krieger jagten jetzt mehr als im Sommer, man wollte Dörrfleisch herstellen und für den Winter einlagern. Einige Frauen besserten die Zelte aus, während andere anfingen, die dicken Wolldecken zu reinigen oder Beeren zu trocknen.
Häuptling Schwarze Krähe saß vor seinem Zelt am Feuer und beobachtete seine Leute bei der Arbeit. Sein Haar war einst schwarz gewesen wie das Gefieder des Vogels, der sein Totem zierte, doch viele Winter in den Bergen hatten es so weiß wie den ewigen Schnee auf den Gipfeln der Felsenberge werden lassen. Er war einst ein berühmter Krieger gewesen, doch noch berühmter als seine Fähigkeiten im Kampf waren seine Weisheit und seine Liebe zum Frieden. An allen Feuern rühmte man den weisen Häuptling vom großen Fluss und seine Weitsicht hatte seinem Stamm ein gutes Leben gebracht. Sogar mit den weißen Siedlern, die einige Stunden Wegstrecke weiter flussabwärts eine Stadt errichtet hatten, lebten die Indianer in Frieden.

Einige Kinder saßen ebenfalls um ein Feuer und unterhielten sich. Sie diskutierten und stritten sich harmlos. Sie hatten einige ältere Krieger belauscht, die sich über den Häuptling unterhalten hatten. Sie hatten den alten Mann weise genannt und die Kinder rätselten, was dieses Wort bedeutete. Schließlich fasste sich einer der Jungen ein Herz und ging hinüber zum Häuptling. Geradeheraus, wie es die Art der Indianer war, frage er den alten Mann: „Schwarze Krähe, sag mir, was Weisheit ist.“ Schwarze Krähe sah den Jungen mit seinen sanften Augen an und lächelte. Mit einem Handzeichen gab er ihm zu verstehen, dass er sich setzen solle. Als der Junge sich ihm gegenüber auf den Boden gesetzt hatte, begann der Alte zu sprechen:
„Vor vielen Monden geschah etwas Schreckliches. Ein junger Krieger hatte sich eine Squaw genommen und die beiden waren sehr glücklich miteinander. Es dauerte nicht lange und beide verbrachten ihren ersten Winter gemeinsam in ihrem neuen Zelt. Im Frühjahr kam ein Kind zur Welt. Es war ein Mädchen und sie nannten sie Schwarze Ente, denn ihr Haar war schwarz wie die Nacht und ihre Haut so zart wie die Federn der Enten. Das Mädchen wuchs heran und als es seinen sechsten Sommer sah begleitete es die Mutter zum ersten Mal in die Wälder. Dort begegneten die beiden einem Berglöwen. Der Löwe griff die Mutter und das Kind an, töte die Tochter und verletzte die Mutter schwer. Als sie nicht rechtzeitig ins Lager zurückkamen, suchten die Krieger sie. Als sie die beiden fanden, war in der Mutter gerade noch genug Leben, um ihnen zu erzählen, was geschehen war.
Der junge Krieger aber verfolgte die Spuren des Löwen und tötete ihn. Er zog ihm das Fell ab und brachte es zurück ins Dorf, dort verbrannte man es auf dem Grab von Mutter und Tochter. Nach uraltem Brauch war ihr Tod gerächt und die Seele des Löwen würde für alle Ewigkeit ziellos über die Prärien wandern. Doch der junge Krieger verschwand in der Wildnis, viele Monde wanderte auch er ziellos umher und versuchte die Dunkelheit aus seinem Herzen zu vertreiben. Vor dem Winter kehrte er zurück, zu seinem Stamm, doch die Trauer wollte nicht aus ihm weichen. Mit der Zeit wuchsen aus der Trauer Hass, Neid und Missgunst. Sie machten ihn hart und stark, aber auch kalt gegen seine Brüder. Er wurde zu einem gefürchteten Krieger und seine Taten werden noch heute an den Feuern besungen, doch sein Herz war kalt und leer. Er glaubte, dass alle Menschen glücklich seien und nur er mit dem Schmerz und der Trauer leben müsse. Irgendwann sprach er mit dem Medizinmann darüber. Dieser war ein verständiger und erfahrener Mann und sagte zu ihm, er solle durch das Lager gehen und in jedem Zelt, in dem er kein Leid fände, solle er sich eine Pfeilspitze erbeten. Diese Pfeilspitzen sollte er dann zum Medizinmann bringen.
Der Krieger ging von Zelt zu Zelt, jedem Krieger, jeder Squaw und jedem Kind erzählte er seine Geschichte. Doch keiner gab ihm eine Pfeilspitze, den sie alle trugen ein Leid in sich. An diesem Tag lernte er, was Weisheit ist.“

Der Junge hatte wie gebannt dem Häuptling zugehört. Dieser sah jetzt in seine Augen und erkannte, dass das Kind ihn verstanden hatte. Einige Minuten saßen beide schweigend da, dann frage der Junge: „Was ist aus dem Krieger geworden?“ Wieder lächelte der Häuptling und beugte sich nach vorne. Er nahm eine der Ketten ab, die um seinen Hals hingen, und legte sie dem Jungen an. Es war eine Kette aus den Krallen eines Berglöwen.


Text: Markus Zinnecker, 2014

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