Samstag, 2. Juli 2016

das Eichhörnchen im Topf



Der Eiswind von den Bergen schlug das Land in diesem Herbst besonders hart. Früher als sonst legte sich das weiße Gewand des Winters über die Prärie und die Wälder an den großen Seen. Die großen Schwärme der Wildgänse zogen in wärmere Gründe und das Land lag totenstill da. Nur das gelegentliche Heulen eines Wolfes unterbrach die majestätische Stille. Rote Krähe, der Schamane der Indianer von den großen Seen wanderte schweigend durch die Winterlandschaft. Seine Gestalt war vom Alter gebeugt worden, als würde die Last ungezählter Sommer sein Rückgrat zu brechen versuchen, dennoch trat der Greis sicher auf und seine Augen sahen klar aus dem faltigen Gesicht hervor, als er stehen blieb und seinen Blick über die weiße Einöde streichen ließ. 
Einige Schritte von ihm entfernt lag etwas unter einem Baum. Ein kleiner, roter Fleck im weißen Schnee. Doch es war ein Fleck der sich bewegte! Langsam näherte sich der alte Indianer und kniete nieder. Mit leicht zitternden, aber immer noch kräftigen Händen, griff er zu und nahm das Eichhörnchen in die Hand. Das Jungtier, wohl erst im letzten Sommer geboren, schmiegte sich an die wärmenden Handflächen des Alten. Dieser spürte das Herz des Winzlings rasen, jede Faser des pelzigen Leibes wollte fliehen, doch gleichzeitig spürte das Eichhörnchen, dass es in Sicherheit war, dass die Wärme des alten Mannes sein Leben retten würde und ganz langsam beruhigte es sich. 

Völlig bewegungslos kniete Rote Krähe im Schnee, der Wind zerzauste sein langes, graues Haar und Schneeflocken sammelten sich auf seinem Rücken. Er lächelte, als er bemerkte, dass sein kleiner Schützling in seiner Hand eingeschlafen war. Vorsichtig erhob er sich und ging langsam zurück zum Dorf. Es war bereits Abend und nur der Schein einiger Feuer erleuchtete die Zelte. Niemand bemerkte, dass der Schamane die Zeltklappe öffnete und in seinem Tipi verschwand.
Am nächsten Morgen trat Rasender Donner, der Häuptling des Stammes, ins Zelt des Schamanen. Dieser kauerte über einen Tontopf gebeugt auf dem Boden und sah auf, als er den Besucher bemerkte. Rasender Donner wollte ihn ansprechen, doch Rote Krähe hob die Hand und gebot ihm mit diesem Zeichen zu schweigen. Ein kurzer Wink lud den Häuptling ein näher zu kommen und Erstaunen breitete sich auf dessen Zügen aus, als er sah was der Topf enthielt. Das Eichhörnchen saß im Topf und nagte fröhlich an einigen Nüssen, völlig ruhig und ohne das geringste Anzeichen von Furcht sah es zu den beiden Männern auf, die sich über seine ungewöhnliche Behausung beugten. Der Häuptling sah den Schamanen an und dieser erkannte in den Gesichtszügen des jüngeren Mannes die Frage, was dies zu bedeuten habe. 

„Junger Bruder, verstehst du nicht, was das Tier uns lehrt? Ich fand es schutzlos in der Prärie, dem Tode näher als dem Leben, doch die Wärme meiner Hände und einige Nüsse retteten es. Es wird den Winter in meinem Zelt verbringen, seine geringen Bedürfnisse belasten mich nicht. Sicher, ich bin unendlich viel mächtiger als das kleine Eichhörnchen, ich könnte es jederzeit hinaus werfen und vergessen, es töten oder misshandeln, dennoch begibt es sich vertrauensvoll in meinen Schutz. Darum lehrt es mich etwas. Vertrauen kann gefährlich sein, es macht uns unendlich verwundbar, unendlich schutzlos, doch auch unendlich frei in der Liebe, die wir damit ausdrücken und empfangen. Vertrauen zu schenken ist ein Beweis großen Mutes, es zu missbrauchen das größte Verbrechen. Wenn jeder dem Anderen vertraut, wenn jeder dem Anderen das gibt was er braucht, dann sind wir auf dem rechten Weg der Liebe, auf dem Weg den Manitu all seinen Geschöpfen vorgezeichnet hat und den wir nur allzu oft verlassen. Du kamst zu mir um über Krieg zu sprechen, wohl wegen der Weißen, die im Sommer hier ankamen, ich sehe es an der Farbe auf deinem Gesicht. Von mir wirst du heute keine Antwort auf deine Fragen bekommen, wohl aber vom Eichhörnchen im Topf. Jetzt geh und denke nach über die Lehre des Eichhörnchens.“ 

Rasender Donner verließ das Zelt des Schamanen und dachte lange über dessen Worte nach. Er sprach nie wieder mit dem Schamanen über jenen Vorfall, aber er sprach mit den weißen Siedlern. Die merkwürdig aussehenden Männer mit schwarzen Gewändern und langen Bärten folgten seiner Einladung und saßen mit ihm am Feuer, er beschloss den friedlichen Worten der Pilgerväter zu glauben und ihnen mit Vertrauen und Liebe zu begegnen. 
Viele Sommer lebten die Indianer von den großen Seen mit den Weißen in Frieden. 



 Markus Zinnecker, 2015

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