Sonntag, 19. Juni 2016

Terra

Eine Liebeserklärung an den blauen Planeten, gesehen mit den Augen des Raumfahrers Urmanov in einer fernen Zukunft.


Wie ein blauer Brillant, gebettet in schwarzem Samt und getragen von den zerbrechlichen Fingern des Lichtes, dargebracht als Geschenk an die Königin des Himmels, an die oberste Gottheit im Pantheon der Sterne, als wahrhaft großartiges Devotional, zur Ehre der Quelle allen Lebens. So wirkte jener kleine, von weiten Wassern bedeckte Planet, der als dritter Begleiter einen gelben Zwergstern umkreiste. Wie eine Oase im lebensfeindlichen Nichts des Weltraums erschien diese kleine Welt. Sie war es auch, als die Augen des derzeitigen Betrachters über sie glitten. Angefüllt mit Frieden und Leben, nicht mit Kriegen und Tod wie in ihrer Vergangenheit. Der Betrachter wusste um die wechselvolle Geschichte dieses Planeten, der Urheimat seines Volkes.

Seine Ahnen waren vor Äonen von hier ausgezogen, um die Sterne zu erobern.

Von Alpha Centaury bis in den Orioncluster, von den Planetenbögen bei Wolf 359 hin zu den dunklen Neutronensternen, jenseits der galaktischen Arme, waren sie gezogen. Sie hatten viele Welten gefunden, manche kolonisiert und sie waren anderen Sternenvölkern begegnet. Sie hatten den kriegerischen, in ihrer ewigen Suche nach Ehre auf dem Feld des Blutes alles niederwerfenden, Dworzianern widerstanden. Sie waren den hintertriebenen und listigen Zanekianern begegnet und hatten versucht, die Geheimnisse der Sorgok zu ergründen. Das Volk der Ahnen hatte sich aufgespalten, Mutantenvölker auf entlegenen Kolonieplaneten waren entstanden und es hatte einen fürchterlichen Bürgerkrieg gegeben. Der alte Fluch von Neid, Habgier und Zerwürfnis war den Weltraumnomaden bis an die Ränder ihres Sternenimperiums gefolgt.

Dennoch gab es etwas, das sie alle vereinte. Tief in ihrem genetischen Code jedoch schlummerte die alles übertreffende, mächtige Sehnsucht nach der uralten Heimat. Jenem kleinen Planeten, den jetzt das Raumschiff des Betrachters umkreiste. Jener von blauen Ozeanen und grünen Kontinenten überzogenen Kugel, auf der heute zwölf Milliarden Menschen friedliche lebten. Jener Welt, der ihr Versprechen eines guten Lebens für alle Bewohner, nach so langer Zeit entlich einzulösen erlaubt wurde.

Die dunkle Nachtseite, in den mit Rubinen aus brennendem Licht übersäten Mantel absoluter Schwärze gehüllt, wirkte durch die Aussichtsfenster des Schiffes fast noch majestätischer als die Tagseite mit ihren weichen, grünen Kontinenten und dem Ultramarinblau scheinbar unergründlicher Meere. Es wollte dem Beobachter nicht gelingen, seine Augen von der faszinierenden Schönheit des Planeten abzuwenden. Der Anblick verzauberte ihn, lies seine Gedanken abgleiten, quer durch Raum und Zeit, hin zu einer Epoche, als dieser Planet für die Menschen das Universum ausfüllte und ein Schiff ein hölzernes Ding war, das auf den geheimnisbedeckenden Wellen seiner Meere schwankte. Getrieben von den Winden und gesteuert von den Träumen der Menschen, die nach neuen Gestaden suchten.

Fast hätte er in seinen Gedanken die Feuergeburt eines neuen Tages verpasst. In lautloser Majestät erschien die in nuklearer Weißglut brennende Strahlenscheibe Sols über dem Terminator. Das seit Milliarden Jahren gleiche Schauspiel der immerwährenden Schlacht zwischen Licht und Finsternis, die wieder und wieder vom Licht gewonnen wird. Gefeiert vom drittem Begleiter des uralten Sterns, mit furiosen Lichtkaskaden in der gleißenden Atmosphäre. Ein Opferfeuer für die Himmelsgöttin, so strahlend, dass dem Beobachter nichts blieb, als den Blick abzuwenden und Schutz bei den kalten Anzeigen des Schiffscomputers zu suchen. Dort auf dem Bildschirm sah er wiederum den Planeten, in klarem Abbild, gefiltert durch die Sensorenaugen des Schiffes. Darunter stand jener Name, der für Menschen immer den Beiklang der heiligen Heimat haben wird: Terra, Erde!



Text: Markus Zinnecker, 2015
Bild: NASA (die Erde, gesehen von Gemini 7, 1965) http://grin.hq.nasa.gov/ABSTRACTS/GPN-2000-001067.html
 


 

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