Donnerstag, 16. Juni 2016

Maschinenkrieg auf ‚gX-thok



Fahles Licht, dem man das ungeheure Alter und die relative Kälte seiner Quelle anzusehen glaubte, erhellt das Sonnensystem von Epsilon-Sigma. Vier tote Planeten, allesamt eisige Steinwüsten, umkreisten den greisen Stern. Die kleine Sonne hatte bereits den Großteil ihres Wasserstoffvorrates verbrannt und würde in wenigen Millionen Jahren erlöschen. Nach den Maßstäben der Galaxis war dies ein sterbender Stern, der bildlich gesprochen seine letzten Atemzüge tat und langsam dahinschied. Auch wenn derartige Zeiträume für menschliche Besucher unvorstellbar weit in die Zukunft reichten, eine merkwürdige Stimmung breitete sich doch auf jenem Schiff aus, dass soeben den Hyperraumsprung beendet und in das Sonnensystem eingetreten war. 

Kapitän Urmanov war, wie es seiner Gewohnheit entsprach, neben den Rudergänger getreten und sah diesem über die Schulter. Auf der Steuerkonsole zeigten die Instrumente an, dass ein ungewöhnlich geringer Gravitationssog vom Zentralstern ausging. Ein deutlicher Hinweis, auf die bereits erheblich reduzierte Masse der Sonne. Für den Langsprungfrachter SS-Ural hatte dies jedoch den Vorteil, dass es dadurch möglich war, auch ohne ein Sprungtor relativ nahe an der Ekliptik aus dem Hyperraum auszutreten. Somit war die Flugzeit im Normalraum kürzer und es war möglich, sehr Treibstoffsparend zu manövrieren. Epsilon-Sigma lag weit ab der normalen Handelsrouten und war unbewohnt, darum gab es hier kein Sprungtor und der Frachter hatte frei abspringen müssen. Ein technisch problemloser, für die Besatzung jedoch unangenehmer Vorgang. Die Relativitätsverzerrung des Wiedereintritts in den Normalraum sorgte bei vielen Raumfahrern für Übelkeit und Schwindelgefühle. Auch der Kapitän war froh, dass der Absprung bereits hinter ihnen lag und sie ihr Ziel bald erreichen würden. Die Ural trug in ihrem Frachtraum mehrere Container mit Versorgungsgütern für eine archäologische Expedition, die Ruinen einer bisher unbekannten Xenokultur auf dem dritten Planeten des Systems untersuchten. Eben jener Plant, kam langsam in Sicht und wurde scheinbar immer größer, je weiter sich der Frachter der toten Welt näherte. 

„Funker, rufen sie den archäologischen Außenposten. Sie sollen uns die Anflugvektoren schicken, damit wir in einen passenden Orbit gehen können.“ 

Urmanov nickte kurz, als der Kommunikationsoffizier im hinteren Teil der Brücke den Befehl knapp bestätigte und versuchte, mit dem Außenposten Verbindung aufzunehmen. 

„SS-Ural, hier Professor Groover vom Institut für Xenoarchäologie. Willkommen in Epsilon-Sigma. Gehen sie in einen beliebigen Parkorbit, wir schicken unsere Fähre um die Waren zu übernehmen.“ 

Die Stimme des Archäologen verstummte und nur noch die leisen Geräusche des Schiffes erfüllten das Brückendeck. Urmanov beobachtete weiterhin den Planeten, der mittlerweile fast das komplette Sichtfeld der großen Panoramafenster ausfüllte. Eine tote Welt, die schon vor Jahrtausenden ihre Atmosphäre verloren hatte. Aber trotzdem, irgendwann, vor Äonen, hatte hier ein Volk gelebt, das fortgeschritten genug war um Gebäude zu errichten, deren Reste ihre Erbauer überdauert hatten. Nie zuvor hatten Xenoarchäologen eine derart alte Kultur entdeckt. Es schien, als habe sich hier das Leben früher entwickelt als in anderen Teilen der Galaxis, aber aus irgend einem Grund war das Volk, das hier einst lebte, wieder verschwunden. Ein Geheimnis, das ebenso schaurig war wie das fahle Licht der sterbenden Sonne. Urmanov fröstelte es und unwillkürlich sah er hinüber zu den Ambientekontrollen. Doch die Werte waren normal, es war an Bord nicht kälter geworden.

„Kapitän, eine Raumfähre steigt vom Planeten auf und nimmt Kurs auf uns. Soll ich ihr einen Andockport zuweisen?“

Die Stimme des Funkers holte den alten Kapitän zurück in die Realität.

„Nein, wir nehmen die Fähre an Bord, wenn sie nicht zu groß ist. Die Container für den Außenposten befinden sich alle in Frachtraum vier, dort soll die Fähre landen. Steuermann: Öffnen sie die Raumtore von Frachtraum vier. Funker: Teilen sie der Fähre mit, dass wir sie an Bord nehmen.“

Auf einem Bildschirm an einer der seitlichen Arbeitsstationen beobachtete Urmanov das Manöver. Sanft setzte das kleine Raumfahrzeug im riesigen Frachtraum des Langsprungschiffes auf. 

„Ich will mir den Piloten der Fähre mal ansehen.“ 

Mit diesen Worten verließ der Kapitän die Brücke und machte sich auf den Weg zum Frachtraum vier. Die Bewohner entlegener Außenposten wie diesem faszinierten Urmanov. Er selbst war auf der Erde aufgewachsen, einem dicht bevölkerten Planeten mit mehr als zwanzig Milliarden Bewohnern. Fast sein gesamtes Leben als Erwachsener hatte er auf Raumschiffen der Flotte zugebracht, auch dort waren immer viele Menschen auf engem Raum untergebracht. Die Einsamkeit, die viele Kolonisten und Forscher so liebten, war ihm stets verhasst gewesen. Dennoch, die Vielfalt des menschlichen Charakters war ein beständiger Gegenstand der Faszination für den altgedienten Kommandanten. Daher wollte er sich auch diese Gelegenheit, einen Bewohner des tiefen Weltraums kennenzulernen, nicht entgehen lassen.
Im Frachtraum fiel sein Blick zunächst auf die alte, zerschundene Raumfähre. Offenbar ein ausgemustertes Marineschiff, das in den Bestand des Instituts übergegangen war. Auf dem grauen Rumpf waren gerade noch die verblichenen Buchstaben zu erkennen, die den Schriftzug „Institut für Xenoarchäologie, Universität von Terranova“ bildeten. Neben der Fähre stand ein jugendlich wirkender, bei näherer Betrachtung aber bereits im fortgeschrittenen Alter befindlicher Mann in Zivilkleidung. Dieser beobachtete aufmerksam, wie die Container mit Versorgungsgütern von zwei Frachtrobotern in der Fähre verstaut wurden. Als er Urmanov bemerkte, lächelte er freundlich zu ihm hinüber und sagte: 

„Ah, Kapitän Urmanov, nehme ich an. Ich bin Professor Groover, der Leiter des Außenpostens.“ 

Urmanov trat zu dem Wissenschaftler und schüttelte ihm die Hand. 

„Es freut mich sie kennenzulernen Professor. Warum bemühen sie sich selbst hierher und nicht einer ihrer Mitarbeiter?“ 

„Wissen sie Kapitän, wir sind ja nur fünf Leute auf dem Außenposten und meine Kollegen sind zurzeit alle mit ihrer Forschung beschäftigt. Da wollte ich sie nicht stören und habe mich selbst in die Fähre gesetzt.“ 

„Professor, können sie mir etwas über die Ausgrabung erzählen?“ 

Bei dieser Frage leuchteten Urmanovs Augen mit einer fast kindlichen Neugier und der Wissenschaftler musste unwillkürlich lächeln. 

„Gerne Kapitän. Aber haben sie auf ihrem Schiff keinen gemütlicheren Ort als diesen Frachtraum? Es scheint, als würde das Verladen der Waren noch einige Zeit dauern.“

Mit einer stummen Geste wies Urmanov auf die Tür des Frachtraums und beide Männer setzten sich in Bewegung. Der Kapitän führte seinen Gast durch die Korridore des Schiffes zur Offiziersmesse, wo dieser einen Tisch am Fenster auswählte. Urmanov, der zwei Tassen mit Kaffee aus dem Nahrungssynthetisierer geholt hatte, nahm ihm gegenüber Platz und sah ihn gespannt an.

„Der Planet den wir gerade umkreisen kennen sie als Epsilon-Sigma-Drei. Doch er hieß nicht immer so. Nach allem was wir bisher wissen, nannten seine Bewohner ihn ‚gX-thok. Was das Wort für eine Bedeutung hat wissen wir nicht, wir können die Sprache des alten Volkes, so die vorläufige Bezeichnung, bisher nicht vollständig übersetzen. Dazu haben wir noch zu wenige schriftliche Zeugnisse und unser Verständnis ist nur bruchstückhaft. Aber der Name ‚gX-thok taucht immer wieder auf und wir wissen, dass er für den Planeten steht.“ 

„Wie alt sind die Ruinen?“ 

„Das können wir nicht mit letzter Sicherheit bestimmen. Aber nach einigen Fossilienfunden und Bezügen zu Sternenkonstellationen, die wir aus der Architektur einiger Gebäude ableiten konnten, gehen wir davon aus, dass dieser Planet zuletzt vor zirka zwei Milliarden Jahren bewohnt war.“ 

Urmanov lief ein kalter Schauer über den Rücken. Dass die Ruinen uralt waren hatte er gewusst, aber das es sich um ein derart enormes Alter handelte war ihm neu. 

„Professor, haben diese Leute Raumfahrt betrieben?“ 

Der Wissenschaftler lächelte als er antwortete:

„Ich dachte mir schon, dass sie das fragen würden Kapitän. Ja, es sieht danach aus als habe man damals, zumindest in sehr einfachem Umfang, Raumfahrt betrieben. Wir wissen nicht, ob diese Leute über Sprungschiffe verfügten, aber sie besaßen wohl Raumfahrzeuge, mit denen zumindest hohe Unterlichtgeschwindigkeit erreicht werden konnte. Auf einem der Monde des vierten Planeten haben wir ein Wrack gefunden, es handelte sich um ein Schiff, das den Sonnenwind als Antriebskraft nutzte.“

Der Professor lächelte als er die Begeisterung in Urmanovs Augen sah. Er sprach weiter:

„Das alte Volk verschwand vor etwa zwei Milliarden Jahren. Wir wissen auch warum, denn die Spuren davon sind auch nach all der Zeit noch erhalten. Der Planet ist geologisch unglaublich stabil, es gibt so gut wie keine tektonische Aktivität und das Wetter war extrem trocken, als es noch eine Atmosphäre ab. Auf dem Planeten haben sich an vielen Stellen die Reste von Maschinen erhalten, dazu die Spuren der Tätigkeit dieser Maschinen. Im unmittelbaren Umfeld diese Maschinenreste sind fast immer Fossilien zu finden. Die versteinerten Überreste der Planetenbewohner.“

Urmanov bemerkte einen seltsamen Ausdruck auf dem Gesicht des Forschers. Dieser schien innerlich zu erschaudern, als er von den Maschinen und den Fossilien berichtete. Er vermutete daher einen Zusammenhang zwischen den Technologiespuren und dem Verschwinden des alten Volkes.

„Was für Maschinen sind das gewesen? Wissen sie etwas darüber?“ 

„Ja Kapitän. Es waren Kriegsmaschinen. Maschinen deren Bestimmung es war, automatisiert Krieg zu führen. Vermutlich existierten in der Welt der Alten mehrere Fraktionen, die in einem andauernden Konflikt standen. Irgendwann setzte eine der Seiten die besagten Kriegsautomaten ein. Diese funktionierten wohl erschreckend gut und als der Gegner vernichtet war, wandten sich die Maschinen gegen ihre Erbauer. Als auch diese ausgelöscht waren, tobte auf dem Planeten ein Bürgerkrieg der Roboter, bis auch diese völlig ausgelöscht waren.“

Es trat ein Moment des Schweigens zwischen den Männern ein und die Stille des Alls schien durch die Fenster in die Offiziersmesse hinein zu reichen. Dann atmete Urmanov tief durch und sah den Professor an. Er fragte:

„Woher wissen sie dies so genau? Ich meine, all dies geschah zu einer Zeit, als die Menschheit noch nicht existierte.“

„Wir vermuteten es wie gesagt aufgrund der xenoarchäologischen Befunde des Planeten. Aber das Raumschiffwrack von dem ich erzählt habe brachte Gewissheit. Egal wie gut etwas auf einem Planeten konserviert wird, nichts geht über die konservierende Wirkung des Alls. Wir verdanken den Computern des Schiffs, die unser Techniker tatsächlich reaktivieren konnte, einen Großteil unseres Wissens über die Sprache der Alten. Die Datenbank des Rechners enthielt aber auch einige Informationen über den Auftrag des Raumers. Kapitän, es war ein Flüchtlingsschiff. An Bord befanden sich die letzten Überlebendend es Planeten. Sie sind in ihrer Verzweiflung ins All geflohen, aber selbst dort waren sie nicht sicher. Eine Kampfdrohne schoss den Sonnensegler ab und er wurde zum Grab der letzten Zeugen.“

Groovers Blick ging am Kapitän vorbei, hinaus ins All und es schien, als sähen die grauen Augen des Mannes nicht nur durch den Raum, sondern auch durch die Zeit. Hin zu den Alten, die von ihren eigenen Fehlern vernichtet wurden. Die von den Kriegsdämonen, die sie für dienstbare Geister gehalten hatten, ausgelöscht worden waren.
Einige Stunden später stand Kapitän Urmanov auf der Brücke der Ural und beobachtete, wie die Raumfähre des Professors hinter dem Planeten verschwand. Groover würde weiter nach den Geheimnissen der Alten forschen. Er, Urmanov, würde jedoch die Botschaft vom Untergang des uralten Volkes zu den Sternen tragen. Er würde versuchen, die Warnung, die durch die Äonen zu den Menschen und Aliens der heutigen Zeit hinüber schallte, am Leben zu erhalten. 



Markus Zinnecker, 2016 (Text und Zeichnung)


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