Sonntag, 26. Juni 2016

Entenliebe



Wenn die Wälder auf den Hängen der schwarzen Berge langsam beginnen ihr Grün zu verlieren und das farbige Kleid des Herbstes anlegen, dann ist es für die Bewohner der Täler an der Zeit sich auf den Winter vorzubereiten. Seit Urzeiten, selbst die ältesten der Stammesältesten können sich nicht daran erinnern, dass es jemals anders gewesen wäre, ziehen zu dieser Zeit die Wildenten gen Süden. Niemand kennt das Geheimnis, wie sie jedes Jahr den Weg über die Felsenberge und Wüsten, bis zu den warmen Ländern im Süden finden. Dennoch finden sich die Vögel jedes Jahr zu Paaren auf dem See ein und ein immer größerer Schwarm bildet sich, bis ein unsichtbares Zeichen zum Aufbruch gegeben wird und der Vogelzug beginnt. Doch der Schwarm hält nicht zusammen, ihr Ziel erreicht jede Ente alleine und bleibt allein, bis es wieder Zeit ist in den hohen Norden zu wandern um den ewigen Kreis des Lebens aufs Neue beginnen zu lassen.
 
Zu jener Zeit saß einst ein Junge vom Stamm der Krähenfüße am Ufer des Sees und beobachtete, wie sich die Enten auf der Spiegelfläche des tiefschwarzen Gewässers sammelten. Von seiner Festung auf den Gipfeln der schwarzen Berge drohte der Winter bereits mit Schnee und Eis, doch noch waren nicht alle Bäume am Ufer bereit, sich von ihrem sattgrünen Sommerkleid zu trennen. Der Junge war an den See gekommen, um dem geschäftigen Treiben im Dorf zu entrinnen und einige Zeit alleine zu sein. Ein Gedanke ließ ihn seit einigen Tagen nicht mehr los. Er fragte sich, wie es die Enten immer wieder schafften, sich im Gewimmel des Schwarms zu finden. Seine Mutter hatte ihm erzählt, dass sich ein Entenpaar ein Leben lang die Treue hält. Wildenten konnten zwanzig Sommer leben und jeden Herbst zogen sie gemeinsam in den Süden. Dort verlören sie sich aus den Augen, doch im Frühling, wenn sich der eisige Griff des Winters löst und der Frost den Rückzug auf die Gipfel der Felsenberge antritt, dann kehren sie zurück. Zurück an den See an dessen Ufer sie einst selbst geschlüpft waren und zurück zu ihrem Partner. Wie war das möglich? Welche geheimnisvolle Macht lenkte die Schwingen der Tiere? Der Indianerjunge verstand es nicht und konzentrierte sich sosehr auf diese Frage, dass er Zeit und Raum um sich herum völlig vergaß. 

Er erschrak fürchterlich, als er eine Hand auf seiner Schulter spürte und eine vertraute Stimme hörte: „Kleine Krähe, warum bist du nicht beim Zelt deiner Mutter? Sie sorgt sich um dich und die Krieger suchen nach dir, denn seit Stunden bist du verschwunden.“ Kleine Krähe sprang erschrocken von dem Stein auf, auf dem er gesessen hatte und sah den Schamanen des Dorfes an. Ein sanftes Lächeln lag auf den furchigen Zügen des uralten Mannes, von dem niemand wusste wie viele Sommer es waren, die seiner Haut das Aussehen von verwittertem Leder gegeben hatten, noch wie viele Winter sein Haar so weiß wie den Schnee auf den Gipfeln der Berge hatten werden lassen. „Rasender Büffel, verzeih mir. Ich denke darüber nach, wie sich die Entenpaare auf dem See im Frühjahr wieder finden. Sie fliegen weit über die Jagdgründe unseres Stammes und die vieler anderer Stämme. Über die Städte der weißen Männer ebenso wie über die leblosen Wüsten, Roter Bison hat sogar gesagt sie flögen über das große Wasser.“ Der Schamane nahm seine Hand von der Schulter des Jungen und sah auf den See hinaus. Er nickte und sagte, den Blick immer noch über das Wasser schweifen lassend: „Es ist wahr was Roter Bison sagt. Die Enten fliegen bis in jenes Land, das die Weißen Mexiko nennen und für das wir keinen Namen haben weil wir es noch nie gesehen haben. Ein Krieger müsste einen ganzen Sommer wandern, um jene Gründe zu erreichen, in denen die Enten dem Winter trotzen. Wir kennen diese Gründe nicht, aber ich kann dir sagen welche Macht es ist, deren segensreiche Hand die Enten wieder zusammenführt, wenn sie ihre einsame Wanderung beendet haben. Man nennt diese Macht Liebe und wir alle verdanken ihr unser Leben. Nur wer wahrhaft liebt kann auch wahrhaft leben. Die Hand Manitus streut die Liebe reichlich über das Land, doch nur wenige verstehen ihre segensreiche Kraft so eindrucksvoll zu nutzen wie die Enten. Wenn wir Menschen, die wir zwar nicht höher stehen als sie, aber doch mehr Verstand haben, die Liebe annehmen und unser Leben damit anfüllen, dann können wir soweit wandern wie die Enten, aber wir finden doch immer wieder zurück zu unseren Geliebten, können dabei aber für unsere Schwestern und Brüder sein wie milder Regen für das Land.“

Kleine Krähe sah den Schamanen an und nickte, er hatte verstanden und beschloss die Liebe zu suchen und für sich zu finden. Denn der wahre Reichtum, das erschloss sich ihm wie von selbst aus den Worten des Uralten, lag nicht daran wieviel man besaß, sondern wieviel Liebe man geben konnte. Denn Liebe ist ein Gut, dass sich vermehrt wenn man es abgibt und das sich vermindert wenn man es nur für sich selbst behält.


Text und Foto: Markus Zinnecker, 2016

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