Samstag, 4. Juni 2016

Die Weisheit des Baumes

Zwei Liebende, eventuell auch nur zwei Menschen, die sich bald lieben werden, gehen spazieren. Ein Weg über Höhen und Täler, ein Weg durch Wiesen und Wälder.

Etwas abseits vom Weg steht ein Baum.

Der Baum steht dort schon sehr lange! Tausend Jahre harrt er hier schon aus, ein stummer Beobachter der Zeiten.

Was hat er nicht alles gesehen!

Er sah die brennende Sonne der Sommer und den Schnee der Winter. Er sah Blumen blühen auf den Wiesen, nur um sie bald von durchziehenden Heeren zertrampelt zu wissen. Liebende saßen unter seinem Stamm und Flüchtlinge hetzten an ihm vorbei. Bomben fielen vom Himmel und Granatsplitter durchschlugen seinen Stamm, doch nicht lange danach trieb ein Landmann seine Herde auf die Wiese unter dem Baum. Das leise Geläut der Kuhglocken verkündete den Frieden, den er liebt.

Der Wind streicht durch die zerzauste, unansehnliche Krone des alten Baums. Seine Blätter
rascheln und seine Äste klappern. Es ist, als würde er mit den zwei Menschen lachen. Als teile er
ihre Freude am Leben und verspüre, wie sie, den Zauber erwachender Liebe.

Einst war der Baum nur ein kleiner Keimling.

Winzig und zerbrechlich durchbohrte er die harte Schale des Samens. Er durchbrach die Erde und reckte seinen kümmerlichen Leib der Sonne entgegen. Die Urgewalt des Lebens trieb ihn ins wärmende Licht des freundlichen Sterns. Weniger noch als die Grashalme, die ihn umgaben, war er damals. Ein zartes Leben in einer rauen Welt. Ein Kaninchen, eine Maus gar, hätte ihn einfach vernichten können. Doch die wohlmeinende Macht des Schöpfers wachte über dem kleinen Keimling.

Wie die Liebe, deren zerbrechlicher Samen in den zwei Menschen langsam aufkeimt, wuchs der Baum in fruchtbarem Grund. Bald warf sich der Sturm auf ihn, wollte ihn niederdrücken. Erst widerstand er ihm, indem er sich wand und verbog. Später stemmte er sich ihm trotzig entgegen. Der Blitz spaltete ihm den Stamm, die Dürre lies seine Blätter braun werden und verdorren. Das Feuer schwärzte seine Borke und die Dummheit der Menschen vergiftete sein Wasser. Doch der Baum war stark verwurzelt, er widerstand den Gewalten, die ihn niederzuwerfen trachteten.

Ich bin heute hinübergegangen zu dem Baum.

Meine Hand berührte seine furchige Borke. Meine Nase roch sein Harz und mein Herz spürte seine
Macht. Ich dankte dem Schöpfer der den Baum hier wachsen lies. Dieses grüne Gleichnis für die Liebe, die so schwach und zart beginnt und, wenn ihr Fortuna hold gesonnen ist, so stark werden kann, dass sie den Stürmen und Blitzen des Lebens trotzen kann.

Markus Zinnecker, 2013 (Text) und 2016 (Foto)

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