Montag, 6. Juni 2016

Die Reise nach Hause

Seit undenkbar langer Zeit sehen Menschen des Nachts auf zu den Sternen und stellen sich die Frage, ob sie allein sind in den unendlichen Weiten des Alls. Was wäre, wenn es zwischen den Sternen noch andere Völker gäbe? Wäre es möglich mit ihnen in Kontakt zu treten und wären sie uns freundlich gesonnen?
Dies ist der Ansatzpunkt vieler SiFi-Geschichten, meine Lösung hierzu ist folgende Geschichte.


Die Reise nach Hause

Hätte ein Mensch das Raumschiff beobachten können, das scheinbar lautlos durch den interstellaren Weltraum glitt, er hätte es wohl vor allem mit einem Wort beschrieben: Fremdartig.
Der lang gestreckte Rumpf war übersät von Leitungen und Geräten, die ohne jeden Schmuck oder Verkleidung an der Außenseite befestigt waren. Das Schiff folgte in seinem Design keinem für Menschen nachvollziehbaren Ansatz von Ästhetik oder, was ebenso wahrscheinlich war, sein Aussehen war seinen Erbauern völlig egal gewesen.

Doch dies war alles vollkommen irrelevant, es gab hier ohnehin keinen Beobachter, der das Schiff hätte begutachten können. Es verfolgte seinen Kurs völlig alleine, umgeben von tiefer Schwärze und dem fernen blitzen der Sterne.
Doch halt, eigentlich stimmte das nicht ganz: Das Schiff war nicht völlig allein, seine Sensoren hatten vor einigen Tagen ein Objekt ausgemacht, dessen Auftauchen hier draußen, im leeren Niemandsland zwischen den Sternensystemen, ungewöhnlich genug warum um den Kommandanten des fremden Schiffs dazu zu veranlassen, den Kurs zu ändern. Es war jetzt unterwegs das ungewöhnliche Ding abzufangen.
Kurzes, lautloses Blitzen deutete darauf hin, dass die Manövriertriebwerke des Raumers feuerten und dem massigen Schiff eine kleine, aber bedeutende Richtungsänderung aufzwangen. Langsam ging es auf einen Parallelkurs zu seiner Entdeckung. Die gewaltige Entfernung zu den Sternen im Hintergrund schien beide Objekte fast stillstehen zu lassen, doch tatsächlich rasten sie mit ungeheuerlicher Geschwindigkeit durch die Leere des Alls.

Das Objekt, das die Aufmerksamkeit des großen Raumschiffs erregt hatte, schien eine uralte Sonde zu sein. Schon auf den ersten Blick fiel auf, dass es sich in seiner Bauweise völlig von der des großen Schiffs unterschied. Die Sonde war nicht nur sehr viel primitiver, sie war auch eleganter in ihrer Linienführung, bei aller Zweckmäßigkeit des Entwurfs schien ihren Erbauern doch daran gelegen zu sein das sie, in ihren Augen, gut aussah. Die ehemals weiße Oberfläche der Sonde war im Laufe der Zeit von Mikrometeoriten, Strahlung und anderen Unbilden des Fluges durch interstellaren Raum beschädigt und geschwärzt worden. Die Parabolantenne hatte Löcher, ein Ausleger, der sich einst am Rumpf befunden haben musste, war abgebrochen, ein anderer völlig verbogen. Offenbar war die Sonde irgendwann auf ihrer Reise durch ein sehr dichtes Feld von Mikrometeoriten geflogen oder in den Schweif eines Kometen geraten.
Einzige Zeit lang bewegten sich die beiden ungleichen Raumfahrzeuge auf einem Parallelkurs. Der unbewegliche Eindruck täuschte jedoch. Die Besatzung des Raumschiffs versuchte mit den Sensoren ihres Schiffs so viel wie möglich über das Fundstück herauszufinden. Stundenlang folgte Analyse auf Analyse. Die Wissenschaftler stellten Schlussfolgerungen auf und versuchten sie zu bestätigen. Zuletzt entschied man, dass dieser Fund so bedeutsam war, so unglaublich, dass man das merkwürdige Flugobjekt bergen und mit nach Hause nehmen sollte.
Langscham schwang eine große Luke auf der Unterseite des Raumschiffs auf. Dieses begann sich gleichzeitig um seine eigene Achse zu drehen und richtete die Öffnung genau auf die Sonde. Ein langer Greifarm fuhr aus der Öffnung und zog die Sonde vorsichtig hinein, dann schlossen sich die Türen wieder und der Raumkreuzer drehte bei, nahm seinen alten Kurs wieder auf.



Jahre später hatten die Wissenschaftler die Erforschung der Sonde abgeschlossen. Sie wussten jetzt, dass sie aus einem entfernten Sonnensystem stammte. Die Bewohner des Dritten von neun Planeten hatten sie ausgesandt, um das Weltall zu erforschen. Sie hatten der Sonde einen primitiven Datenspeicher mit auf den Weg gegeben. Dieser Datenspeicher enthielt Informationen über den Planeten und seine Bewohner. Die Sonde war lange unterwegs gewesen, fast eine Milliarde Jahre in der Zeitrechnung ihrer Erbauer. Ihre eigene Speicherkapazität war nur sehr gering, sie hatte nur in den ersten Jahren der Reise aufgezeichnet und dann die Funktion eingestellt. Auf ihrer Reise durch die unendliche Weite des Sternenmeeres war sie blind und taub geworden und irgendwann, im übertragenen Sinne, gestorben.
Die Wissenschaftler hatten errechnet das der einfache Atomreaktor, der die Sonde mit Energie versorgte, wohl etwa zweihundert Jahre lang Energie geliefert hatte, danach war sein nuklearer Brennstoff verbraucht. Die Reste des Materials waren nach Äonen nur noch harmlose Schlacke. Die Wissenschaftler hatten auch herausgefunden, wie die Sonde von ihren Erbauern genannt wurde. Diese hatten den Namen nicht nur im Datenspeicher hinterlegt, sondern auch voller Stolz auf ihre Hülle geschrieben: Der Name des kleinen Flugkörpers war Voyager, gestartet vor uralten Zeiten, von einem Volk, das sich Menschen nannte.

Die Bewohner der Welt, von der das Raumschiff gekommen war, welches durch Zufall die kleine Sonde gefunden hatte, standen unter Schock. Sie betrieben seit etlichen Jahrtausenden Raumfahrt, doch nie hatten sie ein anderes Volk getroffen. Sie hatten Planetensysteme erforscht und waren auf vielen Welten gewesen, doch sie alle waren tot und leer. Einige konnten kolonisiert werden, aber die Frage: „Sind wir allein?“ war bisher immer mit einem Ja zu beantworten.
Die kleine, uralte Sonde war der Funke, welcher ein großes Feuer entzündete. Das Sonnensystem, aus dem sie kam, war viel weiter entfernt als alle Systeme, die bisher erforscht worden waren. Diese Herausforderung trieb die Wissenschaftler an, sie arbeiteten fieberhaft, viele Jahre lang. Dann waren sie in der Lage ein neues Raumschiff zu bauen, eines das die gewaltige Entfernung zur Heimat der Sonde überwinden konnte. Man rüstete das Schiff für eine Erkundungsmission aus und schickte es auf die Reise. Es durchquerte den Raum, immer mit einem klaren Ziel: der Planet, von dem Voyager einst gestartet war.

Nach einer langen Reise erreichte das Schiff dieses weit entfernte Sonnensystem. Es durchquerte einen Asteroidengürtel, passierte einen Zwergplaneten und mehrere Gasriesen. Dann wurde der Blick frei auf den dritten Planeten, eine seltsame Welt begleitet von einem einsamen Mond, bedeckt von weiten blauen Ozeanen und grünen Kontinenten. Ein Planet, der Heimat der Reisenden nicht unähnlich, dem man ansah, dass er vielfältigstes Leben hervorgebracht haben musste. Doch in seinem Orbit waren keine Satelliten, die Funkrufe des fremden Raumschiffs blieben unbeantwortet. Dann sah die Besatzung des Raumers auch warum: Dort wo einst wohl mächtige Städte gestanden hatten, waren nur noch Reste von überwucherten Ruinen zu erkennen. Es bedurfte der leistungsfähigsten Messgeräte, um diese zu finden. Die Forscher der Fremden analysierten die gesammelten Daten. Es schien, als hätten sich die Erbauer der Sonde vor sehr langer Zeit selbst ausgelöscht. Der Planet trug auch nach Äonen noch die Spuren gnadenloser Ausbeutung und entsetzlicher Kriege. Die Fremden bewunderten den Planeten und dachten in stillem Entsetzen daran, wie knapp auch ihr Volk in der Vergangenheit der Selbstauslöschung entgangen war.


Langscham schwang eine große Luke auf der Unterseite des Raumschiffs auf. Dieses begann sich gleichzeitig um seine eigene Achse zu drehen und richtete die Öffnung genau auf den Planeten. Eine kleine Kapsel löste sich vom Schiff und trat in die Atmosphäre des Planeten ein. Sie landete auf einem fast vegetationslosen Hochplateau und öffnete sich. Zum Vorschein kamen die Reste der Voyager-Sonde, die Kapselhälften zogen sich wieder zusammen und stiegen wieder auf, zurück in den Orbit, wo das Mutterschiff auf sie wartete.

Voyager war nach Hause zurückgekehrt. Die Fremden schickten sich an, es ihr gleich zu tun. Sie wollten ihren Schwestern und Brüdern in der Heimat berichten, was sie erlebt hatten, und sie wollten sie warnen die gleichen Fehler zu begehen wie die Erbauer der Sonde.



Markus Zinnecker, 2011

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen