Dienstag, 14. Juni 2016

der Kartenengel

Was ist ein Engel? Wie sieht ein Engel aus und wie verhält er sich? Auf diese Fragen hat wohl jeder von uns eine eigene Antwort. Doch was, wenn wir wirklich einem Engel begegnen? Werden wir ihn dann als solchen erkennen?
Dies wird wohl nur dem gelingen, der stets mit offenen Augen durch die Welt  geht und auch das Unerwartete erwartet, an Orten und in Gestalten, die so anders sind als unsere Vorstellung, das sie uns nur überraschen können.





Irgendwann einmal wanderte ich durch eine alte Stadt, es war ein wunderschöner Sommertag und die Sonne lies die Mauern der uralten Häuser leuchten. Die Menschen auf den Straßen waren guter Dinge und die Cafés überfüllt. Ein Tag, wie es nur wenige im Jahr gibt und der daher besonders wertvoll war. Allerdings sollte es nicht die Erinnerung an die fröhlichen Menschen, an den strahlenden Sonnenschein oder an die besonders schönen Gebäude sein, die den Tag auch im Rückblick besonders wertvoll erscheinen lies. Es war vielmehr eine Begegnung mit einem Menschen, bei dem ich mir rückblickend nicht mehr sicher bin, ob er wirklich ein Mensch war. Sicherlich, er sah aus wie ein Mensch, hatte Arme und Beine, einen Kopf und Hände wie jeder andere Mensch auch. Dennoch, wenn ich heute an diese Begegnung zurückdenke, erscheint es mir, als wäre mir ein höheres Wesen entgegengetreten. Manch einer würde hier wohl von einem Engel sprechen, allerdings halte ich diesen Begriff für gefährlich, denn er beschwört allzuleicht den Gedanken an eine Kitschfigur mit Flügeln und einer Harfe herauf.

Ich wanderte also durch diese Stadt und genoss ihren Anblick, ihre Geräusche und Gerüche. In einer Seitenstraße viel mein Blick auf das Portal einer kleinen Kirche. Anders als die große Kathedrale vor der sich Touristen aus aller Herren Länder drängten, lag sie einsam und ruhig da. Sie versprach der ideale Ort zu Einkehr und Besinnung zu sein, zu einer Pause für Körper und Seele gewissermaßen. Daher trat ich durch das Portal, nahm den Sonnenhut ab und sah mich im Kirchenraum um. Meine Augen brauchten einen Moment um sich an die kühle Düsternis des Gotteshauses zu gewöhnen. Der schlichte Raum mit seinen zwei Reihen einfacher Holzbänke wurde von hohen, bunten Glasfenstern gesäumt. Auf dem reich verzierten Altar standen ein schlichtes Kreuz aus Holz und zwei Kerzen, deren weiches Licht, die Figur des gekreuzigten Heilandes, in sanftes Licht tauchten.
Langsam ging ich den Mittelgang entlang und nahm in einer der vorderen Bänke Platz. Die wohltuende Stille und Kühle der Kirche genießend bemerkte ich zunächst nicht, dass ich nicht allein war. In der seitlichen Nebenkapelle der Kirche saß eine gebeugte Gestalt auf einer Bank, leise murmelnd schien der andere Kirchenbesucher in ein Gebet vertieft zu sein. Es war nicht meine Absicht ihn darin zu stören, daher stand ich so leise wie möglich auf, um die Kirche wieder zu verlassen. Genau in diesem Moment bemerkte ich, dass der andere zu mir aufsah. Offenbar erkannte er meine Absicht und sagte mit leiser, aber kraftvoller Stimme: „Gott zum Gruße junger Freund. Lassen sie sich von mir nicht vertreiben, kommen sie viel mehr her und sehen sie sich noch die Madonna in ihrer kleinen Kapelle an. Sie ist sehr schön und für einen Touristen zweifellos interessant.“ Mehr aus Höflichkeit, denn aus echtem Interesse ging ich hinüber und betrachtete die Statue der Gottesmutter. Der alte Mann hatte recht, sie war wirklich sehr schön, ein wunderschönes Stück mittelalterliche Handwerkskunst. Aus dem Augenwinkel bemerkte ich dann jedoch etwas, dass mich weitaus mehr fesselte als die Statue: Der Alte hatte nicht gebetet, er beschäftigte sich – hier in der Kirche – mit einem Kartenspiel! Ich sprach ihn an: „Sie haben recht, die Madonna ist wirklich sehr schön. Aber sie können hier doch nicht Kartenspielen! Gehen sie dazu doch ins Wirtshaus.“

Als der Kartenspieler zu mir aufsah, bemerkte ich ein warmes, freundliches Leuchten in seinen Augen. Ja sein ganzes, weiches und faltiges Gesicht wirkte, als würde es von innen her leuchten! Eine merkwürdige Aura von Weisheit und Freundlichkeit schien ihn zu umgeben, als er mir antwortete: „Junger Freund, mein Kartenspiel taugt nicht für den Tisch der Zecher. Setzen sie sich zu mir, dann werden ich ihnen zeigen, was man von diesen Karten lernen kann.“ Unfähig seinen Worten nicht folge zu leisen, setzte ich mich neben ihm auf die Holzbank. Mit einer fließenden Handbewegung schob er die Karten zu einem ordentlichen Stapel zusammen und begann sie dann, eine nach der anderen, wieder auf die Bank zu legen.
Das Ass mein Freund“, sagte er mit ruhiger Stimme, als er die erste Karte vor mir hinlegte, „erinnert mich daran, dass es nur einen Gott gibt, den Herrscher des Himmels und der Erde. Die zwei steht für die zwei Menschen im Paradies, Adam und seine Frau Eva, die Stammeltern aller Menschen. Die Drei lässt mich daran denken, dass Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist ist. Wenn ich die Vier sehe, denke ich an die vier ältesten Verkündiger des Evangeliums, die Evangelisten. Matthäus, Markus, Johannes und Lukas. Die Fünf steht für die fünf weisen Jungfrauen. Eigentlich waren es ja zehn, doch fünf von ihnen waren dumm und gingen verloren, die anderen fünf jedoch waren weise und wurden errettet. Eine mächtige Karte ist die Sechs, denn in sechs Tagen erschuf Gott das gesamte Universum, dessen Wunder uns Menschen so staunen lässt. Doch am siebenten Tag ruhte er von diesem Werk und machte diesen Tag zu seinem heiligen Tag. Grauenvoll ist die Acht, denn nur acht Menschen entkamen der Sintflut. Noha, seine Frau und seine drei Söhne, Sem, Ham und Javit mit ihren Frauen. Die Neun erfüllt mich mit Trauer, denn neun der zehn Aussätzigen haben unserem Herrn für ihre Heilung nicht einmal gedankt. Die Zehn erinnert an die Zehn Gebote, die der Herr seinem Volke gab. Der König erfüllt das Herz mit Freude, denn er ist das Symbol für den einen wahren König, für unseren Erlöser Jesus Christus. Die Dame erinnert mich an die gesegnete, heilige Jungfrau Maria. Doch dann ist da noch der Bube, er steht hinter allen anderen und wartet auf die unglücklichen Seelen, denn er ist der Teufel! Nun zählen sie die Punkte aller Karten, es sind dreihundertfünfundsechzig, so viele wie Tage in einem Jahr. Es sind zweifundfünfzig Karten im Spiel, so viele wie ein Jahr Wochen hat. Es sind dreizehn verschiedene Bilder, so viele wie Wochen in einem Vierteljahr. Es sind vier Farben, so viele wie Wochen in einem Monat und zwölf Bilderkarten, so viele wie Monate in einem Jahr. Sehen sie, dieses Kartenspiel ist nicht nur eine Bibel, es ist auch ein heiliger Kalender, der zeigt, wie wundervoll unser Herr auch die Zeit eingeteilt hat.“

Unfähig etwas zu erwidern, nahm ich die Karten in die Hand und lies sie eine nach der anderen durch meine Finger gleiten. Die Erklärung des Alten hatte mich beeindruckt, und als ich aufsehen und ihm dies sagen wollte, war er verschwunden. Ich habe nie erfahren, wer er war und warum er an diesem Tag gerade mir begegnet ist, doch sein heiliges Kartenspiel hat seither vielen Menschen dabei geholfen, die Botschaft der Bibel zu verstehen. 


Text und Bild: Markus Zinnecker, 2014 

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