Freitag, 27. Mai 2016

Mönchsdank



An einem herrlich sonnigen Frühlingstag arbeiteten zwei Mönche vor den Toren des Klosters. Der ältere Bruder und ein junger Novize waren damit beschäftigt, die Mauer des Konvents auszubessern. Ein langer harter Winter hatte den tausend Jahre alten Steinen zugesetzt und einige Risse im Gemäuer hinterlassen die sie sorgfältig mit Mörtel verschlossen. Von der Arbeit erhitzt und ermüdet legte der ältere der beiden die Kelle beiseite und wischte sich mit dem Ärmel seiner Kutte den Schweiß vom Gesicht. Dabei fiel sein Blick auf die Straße die am Kloster vorbei führte. Einige Fußgänger bevölkerten den Gehweg und in einiger Entfernung hörte man ein leises Motorengeräusch. Der Pater beobachtete den verbeulten Lieferwagen, der langsam über das Kopfsteinpflaster holperte. Auf der zerschundenen Karosserie des Fahrzeugs war eine verblichene Schrift angebracht, die für einen Malerbetrieb warb. Ohne dass er es selbst bewusst merkte huschte ein Lächeln über das faltige Gesicht des Bruders. Der Novize hingegen bemerkte das Lächeln und fragte ihn: „Bruder, warum lächelst du? Welcher erfreuliche Gedanke veranlasst dich dazu?“ Der Ältere wischte sich erneut über das Gesicht und nahm die Kelle wieder zur Hand. Während er weiteren Mörtel in die Mauerrisse stopfte antwortete er dem Novizen:
„Bruder, der Wagen des Malers hat mich an eine Predigt erinnert, die ein Bruder vor vielen Jahren hier im Kloster dem Abt hielt. Es war eine jener Predigten, die keiner Kanzel bedürfen und die doch eindrucksvoll zeigen, wie gnadenvoll der Herr ist.“ Neugierig sah ihn der Novize an: „Welcher Art war diese Predigt, die der Bruder dem Abt hielt?“ Wieder lächelte der ältere Mönch und legte die Kelle erneut weg. „Damals, ich war zu dieser Zeit selbst Novize, lebte hier im Kloster ein alter Bruder. Sein Name war Johannes und bevor er auf den Wegen des Heils wandelte, war er ein Maler gewesen. Für den Orden war dies ein Segen, denn sein Wissen und seine Tatkraft sorgten dafür, dass unsere Kirche immer in herrlicher Farbe erstrahlte. Irgendwann waren von solchen Arbeiten einige Eimer Farbe übrig und der Johannes fragte den Abt, ob er damit nicht die Zellen der Mönche streichen solle, diese seien doch sehr schäbig. Der Abt verbot es ihm, denn dies sei ein unnötiger Luxus. Johannes war dies genug, denn er wusste, dass der Abt Recht hatte. Doch eines Morgens ging er wieder zum Abt und fragte ihn, ob es gut wäre, die Farbe dazu zu verwenden für jede Gebetserhörung die er im Leben erfahren hatte einen Strich an die Wände der Zellen zu malen. Der Abt dachte darüber nach und fand den Gedanken gut. Am nächsten Tag verließ der Abt das Kloster für einige Tage um den Bischof aufzusuchen. Als er zurückkehrte, fand er die Zellen der Mönche in strahlenden Farben wieder, sie waren so schön angestrichen, dass sie regelrecht leuchteten. Der Abt hatte nur mit wenigen Farbstreifen gerechnet, nicht damit und wurde darum zornig. Doch Johannes sah ihm ruhig in die Augen und begegnete seinem Zorn mit einer Erklärung seines Tuns:

„Vater Abt, was du hier siehst sind jene Striche von denen ich sprach. Ein winziger Strich für jedes erhörte Gebet. Doch es sind sehr viele Gebete erhört worden, darum sieht man leider die Wände hinter den Strichen nicht mehr.“ Der Zorn des Abtes verflog sofort und er umarmte den Bruder, der ihm eine solch mächtige Predigt gehalten hatte.“

Markus Zinnecker, 2015 (Text und Zeichnung)

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