Samstag, 19. August 2017

das Schicksal der Alten



Man sagt, der Weltraum sei lautlos. Das Vakuum des Sternenozeans habe keine Musik. Doch wer mit dem Talent des Zuhörens gesegnet ist, der kann die leisen Stimmen der Sterne hören. Wem die Götter besonders zugeneigt sind, den lassen sie dem Gesang der Kometen lauschen. Zu den Menschen, die mit jener seltenen Gabe versehen waren, gehörte Kapitän Urmanov. Er sprach nie darüber, denn kaum jemand hätte es verstanden. Dennoch, er war sich ganz sicher jede Veränderung des Gefüges aus Raum und Zeit zu spüren. Als wären die feinen Fäden aus denen das Einsteinkontinuums gewoben ist mit seiner Seele verbunden. Manchmal, wenn er auf der Brücke der Ural saß und in die Leere hinaus starrte, dann glaubte er zu fühlen, wie sich die Raumzeit unter dem Einfluss der Sprungtriebwerke verformte. Wie die Gesetze der Physik das Raumschiff aus ihrem Gefängnis entlassen mussten und es widerwillig der Freiheit des Hyperraums übergaben. Jener seltsamen, unbegreiflichen Halbwelt in der es möglich war schneller als das Licht zu den Sternen zu reisen.

So war es auch in jener Nacht, als er in seinem Quartier erwachte und nicht wusste wieso. Er wusste nur, dass irgendetwas Ungewöhnliches unmittelbar bevor stand. Er spürte eine subtile Ungleichmäßigkeit. Der alte Raumfahrer atmete tief durch, schaltete das Licht ein und wollte gerade seine Koje verlassen, als das Deck unter seinen Füßen wegzukippen schien. Das Raumschiff wurde durchgeschüttelt und die Systeme der künstlichen Schwerkraft an Bord versagten für einen winzigen Moment. Einen Sekundenbruchteil später verwandelte sich die Welt um ihn herum scheinbar in Sirup. Alle Bewegungen, einschließlich denen seiner Gedanken, erfolgten in extremer Zeitlupe. Die verwirrenden Zeitverzerrungseffekte eines unkontrollierten Absprungs aus dem Hyperraum ließen nur langsam nach, als das Schiff auf Unterlichtgeschwindigkeit abbremste und in den Normalraum zurückkehrte.

Alarmsirenen heulten als Urmanov auf der Brücke erschien. Stunden schienen seit seinem unsanften Erwachen vergangen zu sein, dabei handelte es sich jedoch nur um einen Eindruck. Tatsächlich waren kaum fünf Minuten vergangen. Gerade genug Zeit um eine Uniform anzuziehen und vom Kommandantenquartier zur Brücke zu eilen. An Bord der Ural herrschte gerade Nacht, ein Umstand der dem Biorhythmus der menschlichen Besatzungsmitglieder geschuldet war. Menschen arbeiteten einfach besser, wenn an Bord der vierundzwanzig Stunden dauernde Tag-Nacht-Zyklus der Erde simuliert wurde. Darum befanden sich nur zwei weitere Personen im Kontrollzentrum des Langsprungschiffs. Der diensthabende Steuermann und ein Funkoffizier. Urmanov nickte den beiden knapp zu und nahm an der Kommandostation Platz, erst dann stellte er eine Frage: „Was ist los? Warum der ungeplante Absprung mitten im Nirgendwo?“ Der Steuermann sah von seiner Konsole auf und drehte sich zum Kapitän um: „Das ging nicht von uns aus Herr Kapitän. Eine äußere Kraft hat uns aus dem Hyperraum herausgezogen.“ Urmanov brummte etwas Unverständliches, dann schaltete er die Bordsprechanlage ein: „Kapitän an Maschine, was ist los bei euch?“ Es dauerte einige Sekunden bis die vertraute Stimme des Ingenieurs aus dem Lautsprecher ertönte: „Gute Frage Herr Kapitän. Es scheint als seien wir in ein Energiefeld geraten, dass aus dem Normalraum in den Hyperraum hinein wirkt und unseren Antrieb neutralisiert hat. Es gibt keine Schäden, wir können weiterfliegen, aber nur mit Unterlichtgeschwindigkeit, zumindest solange bis wir aus dem Einflussbereichs des Feldes heraus sind.“ Einige Sekunden lang dachte der Kommandant nach, dann stand er auf und trat hinter den Steuermann und sah aus dem Panoramafenster der Brücke. „Wo bei allen Raumgeistern sind wir hier gelandet?“ Der Steuermann schüttelte den Kopf: „Es ist ein nicht kartographiertes Sonnensystem Kapitän. Ein Stern, Klasse vier, dazu drei Planeten. Zwei Gasriesen und ein Steinplanet.“ Urmanov seufzte: „Wenn wir schon nicht weg können, dann sehen wir uns wenigstens um. Nehmen sie Kurs auf den Steinplanet.“

Er wartete die Bestätigung des Steuermanns nicht ab, sondern ging zur Kommandostation zurück. Tief in seinem Inneren erfasste ihn eine seltsame Unruhe. In den fast einhundert Jahren, die Urmanov nun als Raumfahrer unterwegs war, hatte er gelernt auf diese inneren Stimmen zu hören. Diese Unruhe verhieß nichts Gutes.

Als die SS Ural den Gesteinsplaneten erreichte, bot sich den Menschen auf der Brücke ein schauriges Bild. Es war deutlich zu erkennen, dass diese Welt von einer unglaublichen Macht verwüstet worden war. Die Oberfläche des völlig kahlen Planeten sah aus, als habe sie ein gewaltiger Pflug zerrissen. Es gab nur graues Land und ein kleines, schmutzig braunes Meer. Irgendetwas am Zustand es Planeten wirkte künstlich, es schien, als sei diese Welt nicht immer so unwirtlich gewesen.

Zwischenzeitlich waren auch die anderen Offiziere auf der Brücke erschienen. Darunter auch Sergeant Mayers, der erste Offizier der Ural. Die stämmige Frau, mit den typischen orangen Haaren der Kolonisten von Tezlek Sieben, saß an der Sensorenkontrolle und schüttelte den Kopf. „Was wir hier sehen Kapitän, ist das Ergebnis einer unglaublich starken Nuklearexplosion in der Nähe des Planeten.“ „Soll das heißen, jemand hat das absichtlich gemacht?“ Urmanov wirkte entsetzt. „Ja, es dürfte eine absichtliche Vernichtung gewesen sein. Der Reststrahlung nach zu urteilen geschah es vor ungefähr zweihunderttausend Jahren.“ Sie wollte noch etwas hinzufügen, doch die Stimme des Steuermanns unterbrach sie: „Herr Kapitän, es kommt ein Raumschiff über den Planetenhorizont!“ Mayers bestätigte: „Ein kleines Schiff, unbekannter Typ.“ Das kleine Raumfahrzeug näherte sich dem riesigen Langsprungschiff mit hoher Geschwindigkeit und kam bald in Sichtweite. Das Design des fremden Raumers erinnerte Urmanov an alte Kampfflugzeuge, die er einmal im Museum auf der Erde gesehen hatte.

Einige Minuten vergingen schweigend, nur die allgegenwärtigen Stimmen der Maschinen erfüllten die Atmosphäre im Kontrollraum der Ural mit ihrem leisen Flüstern. Fast unnatürlich laut wirkte das Signal der Funkstation, das auf einen eingehenden Funkspruch hinwies. Ohne auf eine entsprechende Anweisung des Kommandanten zu warten, schaltete der Funker auf Empfang. Aus den Brückenlautsprechern erklang eine fremdartige, schabende Stimme. Es klang, als würden zwei große Steine aneinander gerieben. Urmanov sah den Funker an und dieser antwortete auf die unausgesprochene Frage: „Eine uns völlig unbekannte Sprache Herr Kapitän, ich kann nur sagen, dass wir eine automatische Aufzeichnung hören. Die Quelle ist das kleine Raumschiff.“ Urmanov sah aus dem Fenster zu dem fremden Raumer hinüber. Welche Geheimnisse befanden sich wohl an Bord des kleinen Schiffs? „Funker, rufen sie das fremde Schiff!“ Der Mann an der Funkstation nickte dem Kapitän zu und dieser sprach langsam und mit bewusst deutlicher Betonung: „Fremdes Schiff, hier spricht Kapitän Urmanov von der SS Ural, einem Schiff der Terranischen Union. Wir können ihre Botschaft nicht übersetzen, ich hoffe, dass ihre Übersetzungstechnik der unseren überlegen ist. Bitte antworten sie.“ Stille erfüllte die Brücke und Urmanov sah weiterhin aus dem Fenster zum anderen Schiff hinüber. Dann piepte wieder die Funkstation und wieder erklang eine fremde Stimme, doch diesmal in deutlich verständlichen Worten: „SS Ural, unsere Übersetzungsmatrix konnte ihre Botschaft entschlüsseln. Wir haben jetzt Sprachkompatibilität erreicht. Ich wiederhole meine ursprüngliche Botschaft: Halten sie sich vom Planeten fern, er ist ein heiliger Ort, eine geweihte Stätte unserer Vorfahren. Wir haben ihren Austritt aus dem Hyperraum beobachtet und wissen, dass ihre Sprungtriebwerke versagt haben. Setzen sie Kurs auf den vierten Mond des äußeren Gasriesen, dort wird man ihnen helfen.“ Urmanov nickte dem Navigator zu, der ihn fragend angesehen hatte und eine kurze Zeit später verließ der riesige Frachter die Umlaufbahn um den Planeten.

Einige Stunden später ging die Ural erneut in eine Umlaufbahn, diesmal um den vierten Mond des äußeren Gasriesen. Mayers beugte sich konzentriert über die Anzeigen der Sensorenstation und schüttelte den Kopf: „Kapitän, hier ist niemand der uns helfen könnte. Auf dem Mond gibt es keinerlei Anzeichen von Leben. Das Ding hat nicht einmal eine Atmosphäre, es ist eigentlich nur ein Schneeball aus gefrorenem Methan.“ Sie wollte noch etwas hinzufügen, als wieder die Stimme des Steuermanns zu hören war: „Herr Kapitän, wir bekommen wieder Besuch.“ Erneut tauchte ein kleines Raumfahrzeug auf. Es handelte sich um eine etwas größere Version des Schiffes, dass sie über dem Steinplaneten abgefangen hatte. Erneut signalisierte die Funkanlage einen eingehenden Ruf. Der Funker meldete: „Wir werden gerufen, diesmal sind es Bild und Ton Herr Kapitän.“ Urmanov nickte und wand sich dem Kommunikationsbildschirm zu. Auf diesem erschien das Gesicht einer fremdartigen Kreatur, eines Wesens, das entfernt an eine irdische Qualle erinnerte. Es schien durchsichtig zu sein und von innen zu leuchten. Augen oder andere Merkmale waren nicht zu erkennen. Urmanov war einen Moment lang zutiefst verwirrt, erinnerte sich dann jedoch daran, dass er für den Alien kaum weniger Fremdartig wirken dürfte. „Kapitän Urmanov willkommen auf […..].“ Das Wort klang wie zwei geriebene Steine, es gab dafür wohl keine Übersetzung. Das Fremdwesen hielt kurz inne und begann dann von neuem: „Willkommen in unserer Heimat. Der Name unseres Volkes ist wohl ebenso unübersetzbar wie der unserer Heimat, darum verzichte ich darauf ihn zu nennen. Es tut mir leid, dass unser Schutzfeld, das übrigens auch dafür verantwortlich ist, dass ihre Sensoren unsere Anwesenheit hier nicht registrieren, ihren Antrieb außer Betrieb gesetzt hat. Unsere Ingenieure übertragen gerade die notwendigen Daten an sie, mit diesen Änderungen an ihren Einstellungen können sie wieder springen.“ Urmanov nickte und antwortete: „Vielen Dank, das ist eine große Hilfe. Ich hoffe, dass wir ihnen nicht zur Last gefallen sind oder uns unwissentlich ungebührlich verhalten haben, falls doch, möchte ich mich hier und jetzt dafür entschuldigen.“ Das Fremdwesen schwieg einen Moment lang bevor es erwiderte: „Freundlicherweise haben sie den toten Planeten gemieden und der Aufforderung des Wächters sofort Folge geleistet. Darum kam es zu keinerlei Störungen. Sie sind ohnehin die ersten Besucher aus den Außenwelten seit sehr langer Zeit. Es wäre besser wenn das so bliebe.“ Urmanov sah sich auf der Brücke um und bemerkte, dass alle anderen Offiziere das Gespräch aufmerksam verfolgten. Erstkontaktsituationen mit Alienvölkern waren ausgesprochen selten, insbesondere für Frachtercrews. Der Kapitän sprach weiter: „Sie werden verstehen, dass ich über den Vorfall meinen Vorgesetzten berichten muss, aber ich werde darauf hinweisen, dass die Sache ein Geheimnis bleiben soll. Auf ihren eigenen Wunsch. Es wäre aber gut, wenn ich hinzufügen könnte, warum dies so ist.“ Wieder schwieg der Alien für einen Moment, dann antwortete er: „Ja, das wäre es sicher. Ich öffne ihnen das Tor zur Antwort auf diese Frage einen winzigen Spalt.“ Im Anschluss an diese Worte veränderte sich die Farbe des Fremden, hin zu einem tiefen Orange das von innen zu glühen schien. Urmanov, der bisher in entspannter Haltung gesessen hatte, richtete sich auf und versteifte sich. Seine Augen verloren jeden Glanz und sein Blick ging starr ins Leere. Mayers sprang auf und berührte den Kommandanten an der Schulter, doch dieser reagierte nicht. Dann sah sie zum Kombildschirm und bemerkte, dass der Fremde offenbar ebenso starr und unbeweglich geworden war.

Sergej Urmanov konnte nicht mehr atmen. Es fühlte sich an, als drücke ein unermessliches Gewicht auf seine Brust. Er geriet in Panik, wollte schreien und um sich schlagen, doch sein Körper gehorchte ihm nicht. Dann hörte er eine Stimme, nein, er hörte sie nicht, sie füllte seinen Geist. Die Stimme nahm sein gesamtes Bewusstsein ein, er konnte sie nicht nur hören, sondern auch fühlen, riechen und schmecken. Die Stimme fühlte sich weich an, wie das Fell eines kleinen Nagetiers. Sie roch lieblich, wie alle Blumen der Erde zusammen und sie bedeckte das gesamte Spektrum des Geschmacks. Langsam entspannte sich der Geist des Kapitäns, während sein Körper steif und gelähmt blieb. Die Stimme, die bisher nur ein fernes Murmeln gewesen war, wurde nun immer klarer und deutlicher, bis hin zu verständlichen Worten. „Verzeihen sie mir, aber nur so kann ich ihnen das Portal zu meinem Volk öffnen.“ Urmanov erkannte jetzt die Stimme des Alien und langsam kehrte sein Sehvermögen zurück. Noch waren es undeutliche Schwaden, wie von dichtem Rauch in einem düsteren Raum, doch immer klarer wurden die Formen. Zunächst traten die Konturen des Fremdwesens aus dem Nebel hervor. Jetzt erkannte er, dass das quallenartige Wesen frei im Raum schwebte, sich scheinbar mühelos in alle Richtungen bewegte. Wieder erklang im Geist des Kapitäns die Stimme des Alien: „Unsere Ahnen waren große Denker, Forscher und Erfinder. Von primitiven Anfängen auf der Welt, die sie als toten Planeten kennen, entwickelten sie sich in schier unglaublicher Zeit zu mächtigen Raumfahrern. Sie besuchten die anderen Planeten der Galaxie und erkannten, dass viele von ihnen die Saat des Lebens trugen, doch das es für diese noch nicht an der Zeit war aufzugehen. Da sie das Leben für heilig erachteten zogen sie sich auf ihren Planeten zurück um zu warten bis diese Zeit gekommen war. Doch sie waren nicht untätig, sondern erschufen immer mächtigere Maschinen. Computer und Roboter, künstliche Intelligenzen und zu Letzt auch künstliches Leben. Maschinenwesen die sanfte Diener sein sollten, aber zu grausamen Unterdrückern wurden. Zum ersten Mal in ihrer Geschichte mussten meine Ahnen kämpfen um zu überleben. Es gelang ihnen nicht die Maschinenkreaturen zu besiegen, sondern nur sie auf dem Planeten, der einst auch ihre Heimat gewesen war, einzusperren. Sie selbst zogen sich auf die Monde des äußeren Gasriesen zurück.“

Die Rauchschwaden hatten sich verzogen und Urmanov sah jetzt klare Bilder. Die monochromatische Eiswüste des Mondes, eine bizarre Landschaft aus gefrorenem Gas. Einen tiefschwarzen Himmel, von dem der riesige Gasplanet drohend herabstarrte. Außerdem das klägliche Häuflein der Überlebenden. Wenige Personen und einige schrottreife Raumschiffe, die kaum den Flug hierher geschafft hatten. Er spürte die Schmerzen und das Leid dieser fremdartigen Wesen. Sein Blick wanderte umher und blieb an seinem Führer in diese merkwürdige Welt hängen. Dieser schien näher zu kommen und das Bild veränderte sich. Der Kapitän hatte das Gefühl frei im Weltraum zu schweben. Deutlich spürte er das seltsame Gefühl schwerelos zu sein, doch er trug keinen Raumanzug, nur seine Uniform. Dann bemerkte er den Alien neben und den Planet unter sich. Eine brennende Welt, auf der bizarre Maschinewesen miteinander kämpften. Verloren in einem Krieg, der zum Selbstzweck geworden war. Seelenlose Krieger, deren Leben der Kampf und deren Bestimmung die Vernichtung zu sein schien. Wieder hörte er die Worte des Fremden: „Dies ist alles was von der einst wunderschönen Heimat meines Volkes übrig war als sie diesen Planeten verließen.“ Trauer schwang in den Worten des Fremden mit. Diese wurde noch deutlicher, als er fortfuhr: „Auf dem Mond berieten die Ahnen was sie tun sollten, wie sie aus der Ferne einwirken konnten um den Kampf unter den Maschinenwesen zu beenden. Doch dann vernichteten diese sich selbst und rissen die Heimatwelt der Ahnen mit in den Abgrund.“ Urmanov sah wie ein greller Lichtblitz den Planeten verdeckte. Heller als jede Sonne, gleißend und völlig lautlos, raste die Welle der nuklearen Vernichtung rund um die Welt der Fremden. Innerhalb von Sekunden war der Krieg der Maschinenwesen beendet, doch zu welchem Preis? Urmanov fühlte, wie die Schwerelosigkeit verschwand, wie ihn die geringe Gravitation des Mondes wieder erfasste und, als sich seine Augen vom Lichtblitz der Vernichtungswoge erholt hatten, sah er den Fremden an. Mit leiserer, immer noch von Trauer durchsetzter Stimme erzählte dieser weiter: „Der Kampf war vorbei, weil es keine Kämpfer mehr gab. Doch auch der Planet war gestorben. Tot und mit Strahlung verseucht bis in eine ferne Zukunft. Die Ahnen ließen sich auf dem Mond nieder, verbargen sich hinter den Schirmfeldern vor dem Rest des Universums und hüteten dieses Geheimnis, bis heute.

Zuckungen durchfuhren den Körper des Kommandanten. Sorgenvoll sah Mayers zur Tür der Brücke, sie wartete auf den Schiffsarzt. Schon seit fast zwei Minuten saß Urmanov jetzt starr an der Kommandostation. Jetzt zuckte sein Körper mehrmals und er wurde wieder beweglich. Mit einem leichten Kopfschütteln schien er zu erwachen und sich sein Blick klärte sich. In dem Moment, in dem der Arzt das Kommandozentrum betrat sagte der Kapitän: „Ich danke ihnen für diesen Einblick. Ich weiß nicht wie sie dies getan haben, aber es war sehr eindrucksvoll.“ Der Fremde auf dem Bildschirm erwiderte nichts, aber Urmanov verstand ihn auch so. Dann wurde der Bildschirm schwarz und der Schiffsarzt begann den Kommandanten zu untersuchen. 

Einige Stunden später saßen Urmanov und Mayers in der Offiziersmesse der Ural. Der Kapitän starrte seit fast zehn Minuten die Tasse mit dem langsam kalt werdenden Kaffee an. Den fragenden, geduldigen Blick der Frau die ihm gegenüber saß schien er nicht zu bemerken. Doch dann begann er leise zu sprechen, starrte dabei aber immer noch auf die Tasse: „Ich weiß nicht wie das möglich ist, aber der Fremde hat Bilder und Erinnerungen auf mich übertragen, mich auf eine Reise in die Vergangenheit seines Volkes mitgenommen. Wo ist er jetzt?“ Mayers schüttelte den Kopf als sie antwortete: „Das wissen wir nicht. Nach dem Funkkontakt hat er abgedreht und ist davon geflogen. Er verschwand dann von unseren Sensoren, offenbar benutzt sein Volk eine Technologie die Sensoren unterdrücken kann.“ Urmanov nickte: „Auf dem Mond gibt es eine Kolonie von Überlebenden. Der zerstörte Planet war einmal die Heimat dieser Leute. Sie flohen vor einem Krieg, den von ihnen geschaffene Maschinenwesen führten und der letztlich auch zur Vernichtung des Planeten führte. Aus irgendeinem Grund hielt es ein Angehöriger dieses Volkes für richtig sich uns zu zeigen und mir die Geschichte seines Volkes zu offenbaren. Jetzt wollen sie offenbar wieder ihre Ruhe, ich denke wir sollten das respektieren.“ Wieder kehrte minutenlanges Schweigen ein und Mayers dachte über die Worte des Kapitäns nach. Dann stand sie leise auf und trat an das große Aussichtsfenster der Messe. Sie sah hinaus ins All auf den eisigen Mond, der sich im hellen Licht des Zentralsterns langsam drehte. „Was hat ihnen der Fremde offenbart Kapitän?“ Ihre Stimme zitterte leicht, als habe sie Angst vor der Antwort. Urmanov seufzte und trat neben sie. Mit leiser Stimme antwortete er: „Es war eine Geschichte die uns Menschen nur allzu bekannt ist. Eine Geschichte davon, wie leicht wir von jenem Feuer das unser Diener sein soll verbrannt werden können. Es war die Geschichte jener Selbstvernichtung, der auch wir nur allzu oft nur knapp entkommen sind. Jemand sollte diese Geschichte endlich einmal aufschreiben und hoffen, dass sie sich in Zukunft nicht mehr wiederholt.“
Schweigend standen die beiden Raumfahrer noch einige Zeit am Fenster und sahen auf den Mond mit der verbogenen Kolonie hinab. Dann veränderte sich das Bild, die Ural drehte bei und das Fenster war für einen Moment auf den Gasriesen gerichtet, dessen farbige Wirbel in starkem Kontrast zum gleißenden Weiß des Eismondes standen. Sekunden später löste sich das Bild in der unendlichen Schwärze des Hyperraums auf, die Ural war wieder unterwegs.

Mittwoch, 28. Juni 2017

Moses der Wächter



Irgendwo in Afrika, in der scheinbar endlosen Savanne, lebte vor vielen Jahren ein Farmer. Er war einer jener Menschen, die das Elend des Krieges und der Armut aus ihrer alten Heimat in Europa vertrieben hatten. Hier, unter der unbarmherzigen Sonne des Äquators, hatte er sein Glück und eine neue Heimat gefunden. Insofern war er nichts Besonderes, sondern einfach nur einer von vielen. Doch anders als die meisten, die diesen Lebensweg beschritten hatten, unterdrückte er die Alteingesessenen, die so genannten Eingeborenen, des Landes nicht. Ja, viele von ihnen arbeiteten auf seiner Farm, doch taten sie es für einen gerechten Lohn und darum ehrten sie ihn als guten Menschen. Sie tun das auch heute noch, viele Jahre nachdem er diese Welt und sein geliebtes Afrika für immer verlassen hat. Einer der alten Männer, der in seiner Jugend auf der Farm gearbeitet hatte, hat mir die folgende Geschichte erzählt. 


Eines Tages, irgendwann Ende der 1930er Jahre, ritt der Farmer auf seinem Pferd durch das Buschland. Er suchte nach einer Kuh, die aus dem Gatter entkommen war. Er fand sie jedoch nicht, sondern entdeckte ein tiefes Loch, das ihm bisher noch nie aufgefallen war. Es schien als habe hier eine Laune der Natur einen unterirdischen Hohlraum entstehen lassen dessen Decke dann eingestürzt war. Dichtes Gestrüpp bedeckte den Boden rund um die natürliche Fallgrube und man konnte sie leicht übersehen. Vorsichtig spähte er über den Rand des Loches und bemerkte, dass ein toter Elefant darin lag. Offenbar war das mächtige Tier dem Rand zu nahe gekommen und abgestürzt, jetzt lag es unten und würde wohl ein Raub der Aasfresser werden. Als er wieder auf sein Pferd stieg um weiter nach dem entlaufenen Rind zu suchen, hörte er ein durchdringendes Geräusch. Es erinnerte an eine schlecht gespielte Trompete, ein schriller, durchdringender und lauter Ton. Reflexartig nahm er das Gewehr vom Sattelknopf und sah sich um. Doch es drohte keine Gefahr und er ließ die Waffe sinken. Der Urheber des Trompetentons war, wie er sofort vermutet hatte, ein zweiter Elefant. Doch es war ein kleines, wohl erst wenige Tage altes Jungtier. Verwirrt trottete der Kleine umher. Er hatte wohl noch nicht begriffen, dass seine Mutter ihn nicht mehr hören konnte. Es war dem Farmer sofort klar, dass der abgestürzte Elefant das Muttertier sein musste. Die beiden waren wohl von ihrer Herde getrennt worden, weshalb das Junge nun einsam über die Savanne irrte. Einem Impuls folgend stieg der Farmer vom Pferd und band das Tier an einen Busch. Dann nahm er das Seil, das er hinten auf dem Sattel festgeschnallt hatte, und ging langsam auf den Jungelefanten zu. Der kleine Elefant hatte noch nie einen Menschen gesehen, wusste also nichts mit dem seltsamen, zweibeinigen Wesen anzufangen, das da auf ihn zugelaufen kam. Er blieb stehen und sah den Farmer neugierig an. Ohne Scheu ließ er diesen auf wenige Schritte an sich heran, erst als er die Schlinge des Seils um seinen Hals spürte wollte er weglaufen, doch der Mann hinderte ihn daran. Mit vorsichtigem, aber nachdrücklichem Zug führte er das Elefantenbaby zu seinem Pferd. Das Seil in einer Hand führend stieg er auf und ritt zurück zur Farm, während der Elefant neben ihm her trottete.

Während der Farmer unterwegs gewesen war, war die entlaufene Kuh von selbst zurückgekommen. Zwei dunkelhäutige Männer waren gerade damit beschäftigt sie in das Gatter zu treiben, als der Farmer durch das Hoftor ritt. Eine seltsame Ruhe trat ein als die Anwesenden den Elefanten sahen. Nur die Tochter des Farmers, ein aufgewecktes, fröhliches Kind von ungefähr sieben Jahren, rannte vom Haus auf seinen Vater zu. „Oh, ein Elefantenbaby! Der ist ja toll, ist der für mich?“ Mit kindlicher Begeisterung versuchte sie das verwirrte Jungtier zu umarmen, doch der Elefant riss sich los und lief einige Schritte weit weg. Das Mädchen wäre ihm sicher gefolgt, doch sein Vater war vom Pferd gesprungen und hielt es zurück. Er rief einige kurzen Befehle zu den beiden Männern hinüber, die gerade noch die Kuh ins Gatter gebracht hatte. Sie sollten den Elefanten fangen und in ein leeres Gehege sperren, ihm dann etwas Futter und Wasser bringen. Dann wandte er sich an seine Tochter: „Judith, nein, lass den Elefanten in Ruhe. Er ist klein, aber er kann dir doch gefährlich werden. Er ist kein Haustier für dich, sondern ich will versuchen ihn an einen Zoo oder Zirkus in Europa zu verkaufen. Du weißt ja, dass hier in der Gegend immer wieder Tierfänger unterwegs sind.“ Das Kind sah seinen Vater an und nickte leise. „Aber bis dahin darf ich ihn besuchen, oder?“ Der Farmer lächelte und antworte: „Ja, aber geh nicht zu ihm ins Gatter.“ Freudig lächelnd löste sich Judith aus der Umarmung des Vaters und lief hinter den beiden Farmarbeiten her, die den Elefanten grade zu einem etwas abgelegenen Gatter führten.

Was dann in den nächsten Wochen und Monaten auf der Farm geschah war durch niemanden vorherzusehen. Es kamen keine Tierfänger mehr in die Gegend und einige Zeit später erfuhr der Farmer, dass in Europa ein neuer Krieg ausgebrochen war. Der Dämon der ihn einst aus der Heimat vertrieben hatte tobte erneut. Die Nachrichten und Besucher aus der alten Heimat blieben aus, aber ansonsten ging das Leben auf der Farm weiter seinen gewohnten Gang. Alles verlief wie seit langer Zeit gewohnt, nur der Elefant sorgte immer wieder für Aufregung. Judith hatte ihren Vater nämlich so lange mit dem Wunsch danach das Tier behalten zu dürfen bestürmt, dass der gutmütige Mann irgendwann nachgegeben hatte. Der Elefant lebte also in seinem Gatter und wurde mit Ziegenmilch, Grünfutter und anderen Dingen die einem solchen Dickhäuter schmecken immer weiter aufgepäppelt. Einer der Farmarbeiter hatte Judith einige Legenden seines Volkes erzählt. Nach den uralten Geschichten waren die Elefanten von Gott als Wächter auf der Erde bestellt. Ihre Aufgabe war es, darüber zu wachen das niemand der Schöpfung Schaden zufügte. Wer sie gut behandelte, dem waren ein langes Leben, Glück und reicher Segen versprochen, doch wehe über den, der einen dieser Wächter missachtete! Von einem ehrfurchtgebietenden Gottesboten hatte Judith schon einmal gehört: Ihr Vater hatte ihr aus der Bibel vorgelesen, von Moses, der dem Pharao trotzte und das Meer teilte. Darum taufte sie den kleinen Elefanten Moses.

Eines Tages geschah etwas Merkwürdiges. Moses, der zwischenzeitlich zu einem recht stattlichen Jungelefanten herangewachsen war, blieb mitten im Gatter stehen, hob den Rüssel, stellte die Ohren weit ab und verharrte einige Minuten in dieser Pose. Dann stieß er ein lautes, markerschütterndes Trompeten aus und rannte los. Er riss die Umzäunung nieder, trampelte quer über den Hof und durchbrach auch die äußere Einfriedung der Farm. Judith, die mit ihrer Mutter auf der Veranda gesessen hatte, stand mit weit aufgerissenen Augen da und beobachtete das Schauspiel. Einer der Farmarbeiter, der dem Elefanten ein Stück weit gefolgt war, kam hastig zurück. „Andere Elefanten, draußen in der Savanne ist eine große Herde.“ Er kniete sich neben dem Mädchen hin und sagte „Judith, dein Moses ist wieder bei seiner Familie. Du hast für ihn getan was du konntest, jetzt kann er lernen ein richtiger Elefant zu werden.“ Trotzdem liefen Tränen über die Wangen des Kindes und sie verbarg ihr Gesicht im Rock der Mutter.


Einige Jahre später, kaum jemand auf der Farm dachte noch an Moses, ereignete sich wieder etwas Seltsames. Einer der Farmarbeiter war draußen im Busch unterwegs, als er von einem Leoparden überrascht und angegriffen wurde. Der junge Mann rannte davon und kletterte auf einen nahen Baum, doch die Katze war mit wenigen Sprüngen bei ihm. Panisch klammerte sich der Unglückliche an einen Ast. In wenigen Augenblicken würde ihn das Raubtier zerreißen. Doch dann ertönte ein markerschütternder Trompetenton und aus dem Gestrüpp unter dem Baum brach ein großer Elefantenbulle hervor. Unter entsetzlichem Getöse rannte er mit seiner Stirn gegen den Baumstamm. Weder der Mann noch die Katze konnten sich auf den Ästen halten und fielen krachend zu Boden. Entsetzt starrte der Farmarbeiter den rasenden Elefanten an, doch dieser schien sich nicht für ihn zu interessieren. Stattdessen stürzte er sich auf den Leoparden, der panisch die Flucht ergriff. Für einige Sekunden kehrte Stille ein, der Elefant stand reglos da und sah dem Raubtier nach, dann wand er sich dem Mann zu der starr vor Schreck liegen blieb. Mit weit aufgerissenen, angsterfüllten Augen sah er, dass sich der Elefant ihm langsam näherte. Wenige Schritte vor ihm blieb der Riese stehen und sah auf den zitternden Menschen hinab. Dann hob er seinen Rüssel etwas und schnupperte am Körper des Mannes bevor er sich umdrehte und langsam durch das Unterholz davon stampfte.

Einige Stunden später kehrte der immer noch verwirrte Mann zur Farm zurück und erzählte was geschehen war. Seine Zuhörer sahen sich ungläubig an, nur Judith, inzwischen zu einer ansehnlichen jungen Dame herangewachsen, sagte: „War das vielleicht Moses?“ Ihr Vater lachte und erwiderte: „Schon möglich, aber ich glaube es nicht. Den haben mittlerweile sicher die Hyänen gefressen.“ Judith schüttelte den Kopf, nein, das glaubte sie nicht. Einige Tage später begegnete ihr jener Arbeiter, der ihr damals die Elefantenlegende erzählt hatte. Der Mann zwar inzwischen alt geworden und hatte sich zu seiner Familie zurückgezogen. Doch manchmal kam er noch auf der Farm vorbei um Bekannte aus seiner Zeit dort zu besuchen. Judith erzählte ihm was geschehen war und der Alte nickte leise: „Ja kleine Lady, du könntest recht haben. Die Wächter vergessen nie etwas. Moses weiß, dass er uns Menschen sein Leben verdankt. Du hast für ihn gesorgt und bist bis heute seine Freundin. Die Wächter wissen so was.“ Irgendetwas in der Stimme des alten Mannes gab der Farmerstochter die letzte Gewissheit, dass es wirklich ihr Moses gewesen war der den Arbeiter gerettet hatte.

Noch einmal zogen einigen Jahre vorbei. Der neue Krieg in Europa hatte sich ausgetobt, doch auf der Farm in Afrika war dies nicht viel mehr als eine Nachricht aus einer fernen Welt. Viel bedeutender war es da schon, dass eines Tages der alte Farmer nicht mehr erwachte. Tiefe Trauer legte sich über alle Bewohner der Farm und man begrub ihn ein Stück weit vom Haus weg in der Savanne. Dort hatte er noch zu Lebzeiten einen kleinen Friedhof angelegt. Der erste der hier begraben wurde, war ein Farmarbeiter der in den Anfangstagen der Farm bei einem Unfall starb. Dann musste der alte Farmer seinen ältesten Sohn hier begraben, dieser war von einem Löwen angefallen worden. Jetzt war auch der Farmer selbst von hier aus auf die große Reise gegangen.

In der Nacht nach der Beerdigung schreckten alle Bewohner der Farm aus dem Schlaf auf. Ein furchtbares Geräusch, wie ein entsetzlich lauter, langanhaltender Schmerzensschrei, riss sie aus ihren Träumen. Judith trat auf die Veranda vor dem Haus und wollte sich umsehen, als einer der Arbeiter auf sie zu gerannt kam: „Miss, ein Elefant ist bei den Gräbern. Er schreit.“ Judith nickte und ging langsam vom Haus aus zum kleinen Friedhof. In der hellen, mondklaren Nacht waren deutlich die Umrisse des riesigen Tieres zu sehen. Es stand, mit gesenktem Kopf und hängendem Rüssel, vor dem frischen Grab des alten Farmers und stieß jenen schaurigen Ton aus. Wieder und immer wieder. Die junge Frau näherte sich langsam dem Friedhof und blieb erst stehen, als sie eine Hand auf ihrer Schulter spürte. Einer der Farmarbeiter war ihr gefolgt und wollte sie aufhalten, doch sie schüttelte die Hand ab und ging weiter. Als der Elefant sie bemerkte, verstummte er und drehte sich zu ihr um. Mit hängenden Ohren und langsam hin und her pendelndem Rüssel beobachtete er, wie die junge Frau im Nachthemd langsam auf ihn zuging. Judith verspürte keine Angst, sondern ein tiefes, wärmendes Gefühl der Sicherheit. Sie spürte die mächtige Präsenz des Tieres, das von einer Aura aus Würde und Erhabenheit umgeben zu sein schien und wusste, dass ihr keinerlei Gefahr drohte. Wenige Schritte vor dem Elefanten blieb sie stehen. Langsam hob dieser den Rüssel und streckte ihn ihr entgegen, Judith ihrerseits streckte beide Arme mit den aufgerichteten Handflächen nach vorne. Nach einigen Augenblicken berührte der Elefant ihre Hände mit der Rüsselspitze. Eine Berührung die wohl nur eine Sekunde dauerte, für Judith aber eine Ewigkeit zu währen schien. Sie war sich jetzt sicher, dass Moses vor ihr stand. Langsam ging Judith zurück zum Haus. Alle hatten beobachtet, was auf dem Friedhof geschehen war doch sie schwiegen darüber.

Viele Jahre später schien die Sonne wie eh und je über der Farm. Judith saß auf der Veranda, einen kleinen Jungen auf dem Schoß, dem sie aus einem Buch vorlas. Bei einer besonders lustigen Stelle der Geschichte lachte das Kind auf und zog seine Großmutter an den langen, weißen Haaren. Diese lächelte sanft und schob die Hand des Kleinen weg: „Hey, lass das Jeremy.“ Fröhlich lachend rutschte der Junge von ihrem Schoß herunter und rannte auf den Hof hinaus. Einer der Farmarbeiter winkte ihm zu und das Kind erwiderte den Gruß. Judith lächelte, sie wusste was jetzt passieren würde. Jeremy würde bis zum Tor rennen, hinaus in die Savanne schauen und dann zurückkommen. Das tat er oft, warum wusste niemand so genau, aber wer wusste schon was im Kopf eines Vierjährigen vor geht? Doch diesmal blieb das Kind bereits einige Meter vor dem Tor stehen, kehrte um und rannte zu seiner Großmutter zurück: „Oma, da kommt eine Elefant!“ Er krähte fröhlich und hüpfte um seine Großmutter herum. Doch diese nahm ihn bei der Hand und führte ihn ins Haus: „Los, lauf zu deiner Mamma.“ Jeremy sprang davon, in die kühle Düsterheit des Hauses hinein und zu seiner Mutter, die wohl in der Küche arbeitete.

Judith ging derweil auf das Tor zu. Es war ihr als würde eine große Kraft sie dorthin ziehen. Jeremy hatte recht, tatsächlich stampfte ein Elefant auf das Tor zu, mit langsamen Schritten näherte er sich dem Tor und Judith ging langsam auf ihn zu. Es war ein gewaltiger, uralter Elefantenbulle. Das lange Leben in der Savanne hatte seine Haut gebleicht. Seine riesigen Stoßzähne berührten sich an den Spitzen fast und in seinem linken Ohr fehlte ein Stück, wohl eine Erinnerung an einen zurückliegenden Kampf. Einige hundert Meter vor dem Tor blieb das mächtige Tier stehen und sah Judith an. Diese ging langsam auf den Elefanten zu, wieder von jener seltsamen Zuversicht erfüllt, die sie damals auf dem Friedhof verspürt hatte. Wieder wusste sie tief in ihrem Inneren, dass es Moses war. Ein halbes Jahrhundert war vergangen und seit jener Nacht hatte sie Moses nicht mehr gesehen, doch die Verbindung war ungebrochen. Jeden Tag hatte sie in dieser Zeit gespürt, dass er irgendwo da draußen war. Seinem Amt als Wächter der Welt im Allgemeinen und als Wächter der Farm im Besonderen, nachgehend. Jetzt war er zu ihr gekommen und instinktiv wusste sie warum. Wie bei ihrer letzten Begegnung berührten sie sich und sie spürte die machtvolle Präsenz des gewaltigen Wesens. Dann hob Moses seinen Rüssel und stellte seine Ohren weit auf. Er trompetete laut und kräftig und ging dann einige Schritte zurück. Mit gesenktem Rüssel und hängenden Ohren blieb er einen Moment stehen und legte sich dann langsam hin. Judith trat neben das reglose Tier und kniete sich neben seinem Kopf hin. Sanft berührte sie die ledrige Haut und spürte, wie das Leben langsam aus dem Wächter wich. Sie bemerkte dabei nicht, dass alle Bewohner der Farm in einem weiten Kreis um sie herum standen und still beobachteten was sie zwar sahen aber nicht verstanden.

Am nächsten Tag brachten sie den toten Elefanten zu jenem Loch, in dem der alte Farmer einst die tote Elefantenkuh gefunden hatte. Mose lag nun auch dort, nicht begraben, denn das ist bei Elefanten nicht üblich, sondern auch im Tot noch Teil des Kreislaufs des Lebens zu dem nun einmal auch Geier, Hyänen und all die anderen Totengräber der Savanne zählen. Danach erzählte Judith den Farmbewohnern die es nicht wussten die Geschichte von Moses dem Wächter, dann verstanden sie.


Markus Zinnecker, 2017

Dienstag, 6. Juni 2017

Ghostrider




Dumpf grollte der Motor unter mir. Mit ruhiger Gleichmäßigkeit schien die Maschine das Asphaltband der Straße zu verschlingen, während der Horizont von der untergehenden Sonne in tiefes Rot getaucht wurde. Es war klar, dass ich nicht mehr bei Tageslicht nach Hause kommen würde und so genoss ich die Fahrt durch die langsam kühler werdende Abendluft.

Im sanften Schwung der kurvenreichen Strecke glitt mein Bike durch das Dämmerlicht hinab ins Flusstal. Eine schmale Straße folgte hier dem Wasserlauf, links der träge dahinfließende Strom und rechts schroffe Felswände, die letzten Überlebenden einer Schlacht die der Fluss seit Urzeiten mit den steinernen Kriegern der umliegenden Hochebene ausfocht. Hier unten war es bereits völlig dunkel, nur der gleißende Lichtfinger des Scheinwerfers durchschnitt die Nacht. Der tiefe Schlag des Einzylinders wurde von den Felswänden vervielfältigt und verzerrt, ein Klang wie das ferne Grollen des Donners, der Hufschlag des eisernen Rosses unter mir.

Eisig kalter Nachtwind umweht mich auf der Fahrt durch das dunkle Tal. Ein Gefühl wohliger Einsamkeit, der totalen Stille und inneren Ruhe erfüllt mich nach einem langen Tag auf der Straße. Doch dann spüre ich, dass ich nicht länger alleine bin. Eine Präsenz, kälter als der eisige Fahrtwind und tiefer als das schwarz des nächtlichen Flusses. Ich will mich umdrehen, sehen wer so plötzlich auf dem Soziusplatz erschienen ist. Doch eine Stimme, nicht zu hören aber zu spüren, hindert mich daran: „Dreh dich nicht um. Du kannst mich ohnehin nicht sehen.“ Schweigen legt sich wieder über das Flusstal und die Kälte steigt nun in meinem Rückgrat hinauf.

„Ich bin der Geist der Straße, ich war einst wie du.“ Die körperlose Stimme ist seltsam ruhig, schwingend und sanft, aber doch voller Macht und Alter. „Ein Jäger der Freiheit, ein Sklave der Straße. Ohne Rast unterwegs, in der Ruhe unruhig und Gefangen in der Sehnsucht. Verfallen der rasenden Fahrt und sicher nur in der Gefahr.“

Es durchfährt mich wie ein Eissturm. Als tobe der Nordwind durch mein Herz. Doch die Stimme wird wärmer, voll Freundlichkeit spricht sie: „Du sollst nicht verderben, so wie es mir einst geschah. Lass nun die Bremsen sprechen und den Motor schweigen.“

Kaum waren die Worte in meinem Geist verhallt glühten die Bremsen, denn die Macht der Worte war zu stark, unmöglich ihnen nicht zu gehorchen. Eine letzte Kurve noch, kurz dahinter rollt die Maschine langsam aus. Gerade noch rechtzeitig, ein Auto steht quer auf der Straße. Einer seiner Reifen liegt zerfetzt neben der Straße.

Im Auto sitzt ein junges Mädchen. Ihr Gesicht ist weiß wie ein Bogen Papier. Der Schreck des Unglücks, das sie soeben glücklich überstand, hat ihr die Farbe geraubt. Ich spreche sie an, helfe ihr und kurze Zeit später steht ihr Wagen auf dem Ersatzrad, bereit weiter zu fahren. Doch sie hält mich am Arm und erzählt mir eine Geschichte. Von ihrem Urgroßvater, der auf dieser Straße starb. Mit seinem Motorrad, in genau dieser Kurve. Ein platzender Reifen zerriss seinen Lebensfaden.

Sie drückt mir die Hand und steigt ein. Ich bleibe stehen und sehe ihr nach, die Rücklichter vergehen langsam in der Nacht. Dann ertönt ein leises Sausen, ein trübes Schemen jagt vorbei. Ich erkenne nur flüchtig eine nebelartige Gestalt, dahinjagend auf einem Motorrad, wohl hundert Jahre alt. So lautlos wie sie erschien verschwindet sie wieder. Woher und wohin? Niemand kann es sagen.

 Text und Bild: Markus Zinnecker, 2017

Montag, 1. Mai 2017

der seltsame Mann



Bei mir in der Straße wohnt seit einiger Zeit ein seltsamer Mann. Er ist schon etwas älter und trägt immer einen grauen Wollpullover. Seine Haut ist dunkelbraun und die grauen Haare bilden dazu einen harten Kontrast. Es hat den Anschein, als wäre sein Gesicht aus Stein gehauen, denn er lächelt niemals. Man könnte glauben, er habe nur diesen einen Gesichtsausdruck, eine seltsame Mischung aus Gleichgültigkeit und Leere.

Wenn die Kinder, die immer auf dem Parkplatz Fußball spielen, ihn sehen rennen sie davon. Das tun sie sonst nur, wenn der Hausmeister kommt. Denn dieser legt Wert darauf, dass die Hausordnung eingehalten wird. Spielen auf dem Parkplatz ist nämlich verboten. Der Hausmeister schimpft darum wenn er die Kinder erwischt. Den seltsamen Mann habe ich noch nie schimpfen sehen, überhaupt scheint er nicht sprechen zu können, denn er sagt nie etwas. Vermutlich ist er stumm und das macht den Kindern Angst.

Eine der Frauen die hier im Haus wohnen hat mir vor einigen Tagen gesagt, dass der seltsame Mann jeden Abend mit dem Bus in die Stadt fährt. Was er dort tut wusste sie nicht, aber spekuliert hat sie dennoch. Vermutlich sei er ein Einbrecher, denn manchmal verlässt er das Haus mit einem leeren Rucksack und kommt im Morgengrauen mit einem vollen zurück. Die Frau hat darum den Schlosser gerufen, sie will ein besseres Schloss an ihrer Wohnungstür.

Der Busfahrer wohnt auch hier in der Straße. Er hat mir erzählt, der seltsame Mann steige immer am Hauptbahnhof aus. Dort seien in der Nacht nur Huren und Junkies. Der Mann sei also vermutlich entweder ein Zuhälter oder ein Dealer. Der Busfahrer hat sich deshalb ein Pfefferspray gekauft, denn es gibt wohl viele seltsame Männer die abends mit dem Bus fahren.

Der Hausmeister hat mir etwas erzählt: „Man könnte es wirklich mit der Angst zu tun bekommen! Vorgestern ist mir der seltsame Mann im Park begegnet, er saß auf der Bank, auf der ich immer sitze um die Zeitung zu lesen. Als ich mich hinsetzen wollte ist er aufgestanden und weggegangen. Das tut doch nur einer, der etwas zu verbergen hat!“

Heute ist mir der seltsame Mann auf dem Gehweg vor dem Haus begegnet. Ich habe „guten Tag“ zu ihm gesagt. Er ist dann stehengeblieben und hat mich angeschaut. Nicht gleichgültig sondern verwundert. Darum habe ich ihn gefragt, ob etwas nicht in Ordnung sei. Er hat dann, in schlechtem Deutsch, gesagt, dass ihn normalerweise niemand Grüße. Wir haben uns dann etwas unterhalten. Jetzt weiß ich, dass er Ahmed heißt und aus Afghanistan kommt. Dass er in der Nachtschicht in der Großbäckerei hinter dem Bahnhof arbeitet und sich manchmal etwas Brot mit nach Hause nehmen darf.

Ahmed ist kein seltsamer Mann, er ist ein Bäcker.

Markus Zinnecker, 2017